3. Mai: Würmtaler Gedenkzug 2008
"So schön wars noch nie!"

3. Mai: Würmtaler Gedenkzug 2008 - "Schön wie noch nie!"

Am 3. Mai veranstalteten wir zum elften Mal in elf Jahren einen "Würmtaler Gedenkzug zur Erinnerung an den `Todesmarsch von Dachau`". Wo und wer ist "wir"? Vor elf Jahren nur ein kleiner (aber harter!) Kern von einem Journalisten, einem Pastor und drei Geschichtslehrern der drei Würmtal-Gymnasien - mit ihren Schülern! Sie gründeten eine "Würmtaler Bürgerinitiative", die wuchs und wuchs. Deshalb mutierten wir zu einem Eingetragenen Verein. Das gab uns neuen Schub, mehr Erfolg, und einen Gedenkzug 2008, der reich an bürgerschaftlichem Engagement, Empathie mit den Überlebenden und Spiritualität im Gedenken und Mahnen war. Vor dem Planegger Mahnmal sangen Schulkinder Psalmen in hebräischer Sprache - mit einem wunderbaren Echo: 80-Jährige Überlebende, als Gäste von Israel zu uns ins Würmtal gekommen, sangen mit, alle sangen zusammen, harmonisch in einer Sprache, in einem Geiste der Freundschaft und der Versöhnung. Ein Planegger Bürger tief ergriffen: "So schön war’s noch nie!"

Lochham: Aufbruch Schulter an Schulter mit Uri


Treffpunkt und Start immer in Lochham, dem nördlichen Teil von Gräfelfing, an München grenzend. An dieser Stelle wurden in der Nacht vom 26. auf den 27. April 1945 über 10.000 Häftlinge aus den KZ-Lagern Allach, Dachau und Landsberg/Kaufering von SS-Schergen in unser Würmtal getrieben, vorbei an unseren Häusern in Gräfelfing, Planegg, Krailling und Gauting - "ins Ungewisse" wie auf den 4 Mahnmalen geschrieben steht, die die 4 Würmtal-Gemeinden zur Erinnerung an den "Todesmarsch von Dachau" im Jahre 1989 errichtet haben. Deshalb steht unser "Würmtaler "Gedenkzug" unter dem Motto "Denkmale lebendig machen".

Pünktlich um 13.30 Uhr bereit zum Aufbruch. Das dichte Programm und der Respekt vor den Wartenden an den 4 Mahnmalen erfordert Disziplin. Mit der Polizei und dem Malteser Hilfsdienst alles geklärt. Sie geleiten uns sicher durch den Verkehr auf der Staatsstraße entlang, über die vor 63 Jahren die Elendsgestalten des "Todesmarsches von Dachau" wankten. Da ein freudiger Ruf, fast ein Hurra: Der gelbe Bus mit 87 Gästen aus Israel an Bord, Überlebenden des Todesmarsches von Landsberg über Dachau nach Waakirchen, mit Söhnen, Töchtern und erwachsenen Enkeln. Sie sollten vor dem Mahnmal in Gräfelfing auf uns warten, ließen es sich nicht nehmen, beim Start dabei zu sein, mit uns zu marschieren - mit 80 Jahren! Uri Chanoch, Präsident der "Vereinigung der Überlebenden der Außenlager Landsberg/Kaufering des KZ Dachau" sagt uns nach einer herzlichen Umarmung: "Wahrscheinlich ist es zum letzten Mal, aber vielleicht kommen wir doch wieder." Also auf nach Gräfelfing, Uri an der Spitze, Schulter an Schulter mit dem Bürgermeister von Gräfelfing und der Bürgermeisterin von Gauting.

Mahnmal in Gräfelfing: Überlebender von Auschwitz und Kaufering

Der Weg von Lochham, einem Ortsteil Gräfelfings, zum Mahnmal der Gemeinde

Ist nicht weit, gut zum "Aufwärmen" (die Sonne schien!) für den langen Marsch nach Gauting. Das Gräfelfinger Mahnmal idyllisch gelegen, an einem Wiesenhang zwischen Straße und Friedhofsmauer, im Hintergrund ein Wäldchen, von Gemeindegärtner Karl Maier hübsch bepflanzt, in jeder Jahreszeit, auch an Allerheiligen, als würde Maier an den Tod von Christen erinnern wollen - kurz: prächtiger Anblick.

Bürgermeister und Schüler - Begrüßung und Mahnung

Feier soll kurz sein, damit Rhythmus des Gedenkmarsches nicht zu sehr unterbrochen wird: Wortbeiträge kurz, durch Inhalt und Stil überzeugend, nicht durch Länge. Till Reichert, 3. Bürgermeister Gräfelfings, macht das zum ersten Mal, aber inhaltlich an unserer Zielsetzung orientiert, mahnender Duktus, viel ernster als sein fröhlicher Vater, der ehemalige Bürgermeister Eberhard Reichert, der mal, als wir beim Abmarsch von Lochham die Regenschirme aufspannten, launig-locker sagte: "Wir marschieren bei jedem Wetter, auch wenn die Sonne scheint." Nach dem jungen Bürgermeister die Stimme der Jugend, spricht stellvertretend für Gräfelfinger Bürgerschaft Worte des Gedenkens und der Mahnung. Felix Kempf, Sprecher der Schülermitverwaltung des Kurt-Huber Gymnasiums, mit richtigem Inhalt, mit moralischem Ernst, mit selbstbewusster Stimme. Dann ergreifende Akkorde des Streichorchesters des Kurt -Huber Gymnasiums.

Chaim Melech drängt ans Mikro - Die Stimme des Überlebenden

Als wir noch Überlebende und tatkräftige Helfer mit unserem kleinen Gedenkzeichen ehren und unseren großen Dank symbolisch ausdrücken wollen, löst sich ein 83-jähriger Mann aus der Reihe der 78 Gäste aus Israel, Überlebende, Söhne, Töchter und Enkel, drängt ans Mikrophon. Was will er? Kaddisch sprechen? Wir haben schon einen Überlebenden gebeten, das jüdische Totengebet zu sprechen. Frage leise: Wer ist der Mann? Wie heißt er? Die Überlebenden aus Israel kennen ihn nicht. Er drängt, ich gebe Ihm das Mikro.

Der Mann, der unbedingt sprechen will, sagt: "Ich bin Chaim Melech, geboren in Klausenburg an der slowakisch-ungarischen Grenze, nach Auschwitz verschleppt, Lager Birkenau, dann Transport nach Kaufering, erster Transport von vielen, die 30.000 Häftlinge zur Zwangsarbeit in die drei Groß-Bunker-Baustellen des Dachauer Lagerkomplexes Kaufering/Landsberg transportierten, nur 10.000 überlebten, ich nach Flucht aus Todeszug nach Dachau, überlebte Schuss eines SS-Manns. Schauen Sie, hier über der Stirn, die runde Narbe der Kugel, die mich nicht tötete! Danke, dass ich Ihnen das sagen durfte."

Nach Chaims Geschichte hören wir evangelische, jüdische und katholische Totengebete und Fürbitten mit anderen, mit wissenderen Ohren. Die Worte von Sabine Baumgartner, Jehuda Beiles und Rudolf Leimböck (siehe "Totengebete") dringen in tieferes Bewusstsein. In der Stille der abschließenden Gedenkminute fühlt und überdenkt jeder auf seine Art das Echo von Chaims Geschichte in seinem Bewusstsein. Gedenken, wie wir es bei unseren Mahnmal-Feiern wohl noch nie erlebt haben.

Mahnmal in Planegg: Kanon der Kinder und Greise.

  • Das Rechteck unseres Rituals
  • Neue Bürgermeisterin - in unserem Geiste
  • Stimme der Jugend, Mahnworte von den "Künftigen"
  • Kinder und Greise singen im Kanon
  • Uris Vermächtnis

Strecke nach Planegg länger als der kurze Gang von Lochham nach Gräfelfing. Alle Überlebenden mit Familien noch dabei, manche, älter als 80 haben Gehschwierigkeiten. Wir bieten Hilfe an, Malteser Hilfsdienst begleitet uns doch! Angst vor dem Wort "Ambulanz". Wir überreden sie. Unsere Malteser sind wahre Samariter, fahren sie zum Planegger Mahnmal, überbringen den dort Wartenden unsere Entschuldigung. Es geht langsamer. Gehen doch mit 80-Jährigen und älteren Gästen? Sollen sich bei uns wohl und geborgen fühlen.

Echos im Rechteck unseres Rituals

Vor dem Planegger Mahnmal zwischen Straße und Würm in einer ruhigen Parkanlage gelegen: Christian Schulz, als Geschichtslehrer des Feodor-Lynen-Gymnasium "Mann der ersten Stunde" unseres Gedenkprojekts, neben ihm seine Schüler Michaela Bauerreis, Michael Zellerer, der Kinderchor mit Lehrern Thomas Schaffert und Ludwig Götz, daneben - wie eine treusorgende Mutter - die neugewählte Bürgermeisterin Annemarie Detsch. Die Überlebenden gruppieren sich in einer langen Front vor dem Mahnmal, die Planegger Bürger schließen die zwei offenen Flanken. Ein Freundschaft und Zuwendung spürbar machendes Bild der Geborgenheit. Jeder Auge in Auge mit dem anderen, offenen Gehörs für alle Echos. Das muss eine schöne Gedenkfeier werden.

Als Schreiber Bürgermeisterin und Bürgerschaft begrüßt und ihnen die Gäste aus Israel vorstellt, bezieht er die Freunde Planeggs aus der französischen Partnerstadt Meylan mit ein, dankt ihnen, das sie trotz der Gräuel der Gestapo gegen ihre Widerstandskämpfer in den savoyischen Bergen im Geiste der Versöhnung von der Rhone an die Würm gekommen sind, und mit den Deutschen des neuen Deutschlands vertraute Gemeinsamkeit erleben wollen.

Neue Bürgermeisterin - in unserem Geiste

Die neu gewählte Bürgermeisterin Detsch macht gleich bei ihrem ersten Auftritt bei uns Bella Figura. In ihrer Begrüßungsrede trifft sie den Kern unseres Gedenkwerks - Denkmale erinnern nur an Vergangenes, Mahnmale mahnen aus der Verantwortung für die Vergangenheit zum Handeln jetzt und in Zukunft - und sie erzählt, dass ihre Mutter den Elendszug der KZ-Häftlinge sah und ihr davon berichtete.

Dann die Stimme der "Künftigen", die Stimme der Jugend: Michael Zeller, Schüler-Sprecher des Planegger Feodor-Lynen-Gymnasiums, neben ihm seine Mitschülerin Michaela Bauereiss, unter hinter ihnen Geschichtslehrer Christian, die drei gleichsam als Team das Lob des Kultusministeriums verkörpernd: mustergültige Verbindung von Geschichtsunterricht und aktivem Gedenken. Auch Michaels Worte verbinden Erinnern, Gedenken und Mahnen. In der Mitwirkung der Schüler wird Gedenkarbeit zur Gedenkkultur.

Kanon der Kinder und Greise

Mehr als Gedenkkultur in der musikalischen Darbietung des Kinderchors die die aufrüttelnde Worte Michaels mit musischer Beseeltheit kontrapunktisieren. Es singt ein Kinderchor, zu dem sich für uns Kinder zweier Chöre vereint haben, der Musikschule Planegg-Krailling, von Thomas Schaffert geleitet, der Kinderchor der katholischen St. Elisabethkirche, von Ludwig Götz dirigiert. Wieder ein partnerschaftliches Gedenkwerk in unserem Geiste.

Erst singen sie leise - in hebräischer Sprache - Psalm 133: "Schau doch, wie gut und wohltuend es ist, auch wie Brüder zusammen zu wohnen." Es ist ein Kanon, von einem Israeli komponiert. Und plötzlich wird der Kanon der Worte zum Kanon der Menschen: die 80-ährigen Überlebenden aus Israel stimmen ein in den ihnen gewidmeten Gesang der deutschen Kinder - "gut und wohltuend", "wie Brüder zusammen" - so in tiefster Seele wohltuend, dass manche der Gäste im Greisenalter ihre Tränen nicht verbergen können.

Auch das zweite Musikstück weckt Rührung: "The Lord bless you and keep you!" "Der Herr segne und behüte Dich!") - ein Chorsatz des modernen britischen Komponisten John Rutter, von Schaffert für diese Mahnmal-Feier bearbeitet. Schaffert sagt nach dem Ausklang der zarten Stimmen: Eine überkonfessionelle Liturgie, für Christen und Juden gemeinsam, Euch allen zum Geleite gewidmet.

Uris Vermächtnis

Dann tritt Uri Chanoch, der gewählte Präsident der "Vereinigung der Überlebenden" spontan an unser Mikrophon, es drängt ihn, und wir warteten auf ihn, und seine behutsamen Worte, auf seine nachdenkliche Stimme. Er sagte sich alles aus seiner Seele, aus seinem Herzen, aus seinem Bewusstsein, aus welcher Tiefe seiner großartigen Persönlichkeit auch immer: Was er als Junge in Deutschland erlebt und erlitten hatte. Wie er in das Land seiner Väter zurückkehrte. Wie er die Freiheit seines wahren Vaterlandes erkämpfte, Wie er den Ruf aus Gauting vernahm. Wie er zögerte und doch kam, mit vielen seiner Kameraden. Wie er bereit war, mit den guten Menschen in Würmtal eine Brücke zu bauen - eine Brücke des Vertrauens, der Freundschaft, der Versöhnung. Uris Worte wirken wie ein Vermächtnis für die Zeit nach ihm.

Jetzt klingen Totengebete und Fürbitten wieder anders in unseren Ohren, obwohl Sabine Baumgartner, Jehuda Beiles, Rudolf Leimböck - wie in einem Kanon - ihr Gräfelfinger Gedenkgebet wiederholen.

Ziemlich verspätet ziehen wir weiter, nach Krailling, zum dritten Mahnmal.

Mahnmal in Krailling: neue BM, neuer Pastor

  • Neue Bürgermeisterin - auch in unserem Geiste
  • Kein Platz für Kinderchor zwischen Straße und Würm
  • Willkommen Pfarrer Thomas Krusche

Wir marschieren nicht nach einem Generalstabsplan, aber wir haben den Bürgerinnen, Bürgern - und ihren Bürgermeisterinnen! - auf unseren Plakaten, der Info-Anzeige und den Presseartikeln für unsere Ankunft an den Mahnmalen aufgrund jahrelanger Erfahrungen feste Zeiten genannt, die wir ohnehin in Gräfelfing und Planegg um 15 Minuten verlängert haben. Wir haben dann eine Dame, die nicht mehr gut gehen konnte, mit dem Malteser Hilfsdienst zum Kraillinger Mahnmal fahren lassen, um uns vorweg schon bei Frau Bürgermeisterin Borst zu entschuldigen.

Neue Bürgermeisterin, auch in unserem Geiste

Christine Borst, Erste Bürgermeisterin der Gemeinde Krailling, hatte gleich nach ihrer Wahl zugesagt, unsere Einladung, vor dem Mahnmal unsere Gäste, Teilnehmer und ihre Bürgerschaft zu begrüßen, anzunehmen - als erste! Genau so offen und engagiert sprach sie zu uns - wegen der Verspätung, d.h. aus Rücksicht auf die Gautinger nur kurz, aber umso prägnanter. Auch hier gilt der Satz: neue Bürgermeisterin - in unserem Geiste. Nächstes Jahr, anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Aufstellung des Würmtaler Todesmarsch-Mahnmale, werden wir viel eher ankommen, und sie wird ihre Gedenkworte in gebührender Weise uns vortragen können. Aufs nächste Jahr also, Frau Bürgermeisterin!

Mahnmal in Gauting: Christliche Pilger von Auschwitz ins Würmtal

Die Bürgermeisterin zügig von Lochham nach Gauting

Die letzte Wegstrecke von Krailling über den Gautinger Ortsteil Stockdorf, durch die Grubmühler Senke, bis zum Gautinger Mahnmal wird sehr zügig gegangen, weil Brigitte Servatius, die Erste Bürgermeisterin, flotten Schrittes unseren Würmtaler Gedenkzug anführt - vom Anfang bis ans Ziel, von Lochham bis Gauting, ihre Pioniergemeinde, in der die Idee des Todesmarsch-Mahnmals gedacht und entschieden wurde. Ihrem raschen Schritt kann der Zug kaum folgen. Einer hält an ihrer Seite wacker Schritt, der evangelische Pfarrer Gautinger Christuskirche, Dr. Günter Riedner. Er hat von Peter Samhammer, dem ehemaligen Pfarrer der Evangelischen Kirche in Stockdorf und Mann der ersten Stunde unseres Gedenkzugs, den Stab übernommen. Bei ihm hielten wir unsere Treffen und Pressekonferenzen ab, jetzt in Riedners Christuskirche, genauer: im Walter-Hildmann-Haus seines Pfarrzentrums. Es erinnert an den Gautinger Geistlichen, den die Gestapo aus dieser Kirche herausholte. Gauting ist Hort unserer Gedenkkultur.

Locker-flott erreicht die Bürgermeisterin ihr Ziel, unser Ziel, das Mahnmal von Gauting, locker-lapidar ihre Begrüßungsworte an ihre Bürger, die trotz unserer einstündigen Verspätung ausgeharrt haben. Brigitte Servatius überlässt lieber einem Schüler ihres Otto-von-Taube-Gymnasiums das Wort. Die Gautinger Bürgermeisterin will - wie unser Bürgerbund "Gedenken im Würmtal" - den Stab der Erinnerung an die Jugend weitergeben.

Benedikt leiht Zwi seine Stimme

Was wird Benedikt Kissinger vortragen, als Sprecher der Schülerschaft des OTB. Er hält ein Büchlein in der Rechten, das ich sofort erkenne, weil es von meinem lieben Freund Zwi Katz geschrieben wurde, dem Überlebenden, der krank in Israel zurückbleiben musste, der die Inspiration, dieses Buch zu schreiben, in deutscher Sprache zu schreiben, während seiner Vorträge und Diskussionen in den drei Würmtal-Gymnasien erhielt: Von den Ufern der Memel ins Ungewisse - eine Jugend im Schatten des Holocaust.

Zwi Katz überlebte den langen Todesmarsch von Lager 1 des KZ-Komplexes Landsberg/Kaufering über Dachau bis Waakirchen und Benedikt Kissinger liest aus den Seiten136 und 137 des Buches über Zwi’s ergreifendes Erlebnis am Rastplatz Achmühle zwischen Wolfratshausen und Eurasburg.

"... Neben mir bemerkte ich eine kleine, aber genügend tiefe Mulde und spielte eine Weile mit dem Gedanken, mich dort mit dem Laube, das hier herumlag, zu bedecken, aber ich war noch nicht verzweifelt und entschlossen genug. ... ein mir gänzlich unbekannter Junge sagte, dass er hohes Fieber habe und nicht mehr weiter könne. Wir wussten beide, was ihn erwartete. ...´Hier, nimm mein Brot, es nutzt mir nicht mehr, dir kann es noch helfen, am Leben zu bleiben` - mit diesen Worten streckte er mir sein Brot entgegen. ... Brot war hier dem Leben gleich. Das annehmen des Brotes war die Bestätigung seines Todesurteils, und zusammen mit dem Brot hätte ich ihm auch die Seele aus dem Leib genommen. Wir waren zwar dort, wo die Wölfe hausen, aber ich war wahrscheinlich noch nicht in dem verzweifelten Zustand, in dem sich Menschen in Wölfe verwandeln."

Es machte mich sehr glücklich, aus dem Munde Benedikts Zwi’s Stimme zu hören. Als ich spät abends Zwi in Holon bei Tel Aviv anrief und ihm sagte: "Zwi, Du bist zwar schwer krank und konntest nicht mir Deinen Kameraden zu uns ins Würmtal kommen. Aber viele fragten mich nach Dir. Aber zu warst mit Deinem Geist, mit Deiner Lebensgeschichte bei uns, hast zu uns gesprochen, weil Benedikt Dir seine Stimme lieh." Zwi’s Stimme klang klamm aus dem fernen Israel. Er wollte nicht, dass ich aufhöre, ihm zu berichten, wie er im Geiste mit uns sprach, mit uns ging, mit uns sich seines Marsches "ins Ungewisse" erinnerte.

Benedikt nahm sich vor dem Gautinger Mahnmal gebührend Zeit, um uns Zwi’s Erleben in den Fängen von Wölfen miterleben zu lassen, von Wölfen, die als Zeichen ihrer grausamen Unmenschlichkeit mit einem Totenkopf markiert waren.

Wegen der einstündigen Verspätung kein Kinderchor und katholischer Geistliche mehr, die Überlebenden schon zu einer Feier in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Pfarrer Riedner spricht für die evangelischen Gläubigen - an das Leid der Unschuldigen erinnernd, die Nachfahren der Täter mahnend, Gott um Vergebung und Kraft für eine Zukunft in Menschlichkeit und Frieden bittend.

Der Christ aus Hamburg: Pilger in Auschwitz, Kaddisch im Würmtal

Wer spricht für die jüdischen und katholischen Gläubigen, wie es unserer Gedenkkultur gemäß ist? Ich sehe Erhard Schafferus mit seinen christlichen Schwestern und Brüdern, die nach zwei Pilgerfahrten zu den Vernichtungslagern Auschwitz, Sobibor und Treblinka Erinnern und Gedenken bei uns, mit uns im Würmtal miterleben möchte. Während Pfarrer Riedner noch spricht, flüstere ich zu Anton Thomma, Gestalter unserer Internetseite, er möge Erhard Schafferus dezent meinen deutschen Text des jüdischen Totengebets überreichen und ihn an meine Seite bitten.

Erhard Schafferus nickt mir zustimmend zu und kommt an meine Seite. Nach dem Ausklang des Gebets von Pfarrer Riedner sage ich den Gautinger Bürgern: "Erhard Schafferus, den sein christlicher Pilgerweg von Auschwitz zu uns geführt hat, wird als unser Gast das Schlusswort unseres Gedenkzugs 2008 sprechen, indem er als evangelischer Christ in brüderlichen Verbundenheit mit Christen aller Bekenntnisse, indem er in brüderlicher Verbundenheit mit Am Jisrael, dem Volk Israel, in deutscher Sprache die Worte des jüdischen Totengebets spricht, das den einen und einzigen Gott, den Juden und Christen gemeinsam verherrlichen und heiligen, flehend bittet um "Frieden in Fülle" - "Frieden in der Höhe" - "Frieden auf Erden".

"Verherrlicht und geheiligt werde Gottes großer Name
In der Welt, die Gott nach eignem Ratschluss schuf.
Gottes Reich entstehe in eurem Leben und zu euren Zeiten
Und im Leben ganz Israels schnell und bald.
Darauf sprecht: Amen.

Gottes großer Name sei gepriesen,
immerzu und bis in Ewigkeit!

Gottes Name sei gepriesen und gelobt,
Gottes Name sei verehrt und gerühmt,
Gottes Name sei gefeiert und besungen.
Gepriesen sei er über alles Lob und jedem Lied,
hoch über allem Preis und jedem Trost der Welt.
Darauf sprecht: Amen.

Frieden in Fülle komme vom Himmel,
Leben für uns und ganz Israel.
Darauf sprecht: Amen.

Gott schafft Frieden in der Höhe.
Möge Gott uns und ganz Israel Frieden geben.
Darauf sprecht: Amen."