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"Todesmarsch von Dachau" Ein historisch belegter Weg ins Ungewisse | ||||||||||||||||||
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Russen, Juden und "Reichsdeutsche" Am 27. April 1945, zwei Tage vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen, registriert die "Lagerschreibstube" des Konzentrationslagers Dachau in einem ihrer letzten bürokratischen Akte jenen Marsch von 6.887 Häftlingen, die am 26. April 1945 gegen 21.00 Uhr aus dem Lager in Richtung Süden abmarschieren mussten, in Richtung Alpen, ins Ungewisse - für die meisten letztendlich ein Weg in die Befreiung, für viele aber ein Marsch in einen grausamen Tod. Deshalb ist dieser Häftlingszug als "Todesmarsch von Dachau" in die Geschichte eingegangen.
Beim Morgenappell des 26. April 1945 wurde den Häftlingen mitgeteilt, dass keines der außerhalb des Lagers beschäftigten Arbeitskommandos ausrücken dürfe, ein Befehl, der sie beunruhigte. Dann folgte, wie der Häftling Franz Scherz berichtet, der Befehl: "Um 12 Uhr hat das ganze marschfähige Lager reisefertig auf dem Appellplatz zu stehen! Essgeschirr und Decken sind mitzunehmen!" Reichsdeutsche, russische und jüdische Häftlinge wurden ausgesondert. Häftlinge anderer Nationalitäten mussten in ihre Baracken zurück. Dazu kam der Befehl: "Alle Invaliden und Fußmaroden bleiben im Lager." Die gehfähigen Häftlinge erhielten Marschverpflegung: eine Dose Konserven, ein Kilo Brot, etwas Käse und Margarine. Die Lagerschreibstube verfasste noch mit Datum vom 26. April eine zweite Liste, in der – ohne Angabe von Nationalitäten – drei "Gruppen" und sechs "Marschblöcke" mit ebenfalls 6887 männlichen und weiblichen Häftlinge als "auf Marsch befinden sich" registriert wurden. Woher kamen die jüdischen KZ-Häftlinge des "Todesmarsches von Dachau"? Vorweg soll geklärt werden: Woher kamen die 1524 Juden, die im KZ Dachau am Abend des 26. April 1945 im Rahmen des historischen "Todesmarsches von Dachau" in Marsch gesetzt wurden? Waren sie "Dachauer Häftlinge"? Kamen sie mit den Bahntransporten aus den KZ-Lagern Buchenwald und Flossenbürg, die in den letzten Kriegstagen in Dachau ankamen? Oder mussten sie in den allerletzten Kriegstagen an den Evakuierungsmärschen von den Außenlagern des KZ-Komplexes Landsberg/Kaufering nach Dachau teilnehmen? ("Märsche Landsberg-Kaufering") Uns interessiert diese Frage nicht zuletzt wegen der großen Zahl jüdischer Überlebender, die an unseren Gedenkzügen teilnehmen. Das KZ Dachau war kein "Judenlager". Die erste Opfergruppe von fast 1000 Münchner Juden wurde im November 1941 "zum Arbeitseinsatz im Osten" in die litauische Hauptstadt Kaunas "umgesiedelt" und dort im Fort IX sofort erschossen. Nach der Wannsee-Konferenz, in den Jahren 1942 bis 1944, wurden die restlichen Münchner Juden in das KZ Theresienstadt und in die Vernichtungslager Belzec und Auschwitz deportiert. Ähnliches geschah mit den Juden des übrigen Bayerns. Im Dezember 1944, waren München bzw. Dachau "judenrein". Woher kamen also die 1524 Juden, die am "Todesmarsch von Dachau" teilnehmen mussten? Aufgrund der bekannten Tatsachen kommen zwei Möglichkeiten in Betracht:
Abschließend werden zu dieser Faktensuche noch drei Argumente vorgebracht:
Nach dieser klärenden Vorbemerkung über die Herkunft der jüdischen Häftlinge des "Todesmarsches von Dachau" zurück zum Tag des Abmarsches aus dem dortigen Lager. Die erste Etappe: Wohin? Ins Ötztal? In den Tod?
In Hundertschaften aufgeteilt und in Fünferreihen formiert verließen die drei Gruppen am 26. April 1945 gegen 21 Uhr das KZ Dachau - erst Russen, dann Juden, am Ende "Reichsdeutsche". Der Marsch führte entlang der Würm in Richtung Süden, zunächst durch die Münchner Vororte Karlsfeld, Allach, Menzing und Pasing. In Pasing stießen angeblich 1200 Häftlinge aus Türkheim (westlich von Landsberg) zu den Dachauer Marschkolonnen, deren Zahl sich dadurch auf über 8000 erhöhte. Von Allach aus waren wenige Stunden vorher bis zu 2000 Häftlinge des dortigen Zwangsarbeitslagers in Richtung Süden in Marsch gesetzt worden - sozusagen als Vorhut des Dachauer Zuges. Von Pasing marschierten die aus Dachau und Allach kommenden Häftlinge - München südwestlich umgehend - durch die Würmtal-Gemeinden Gräfelfing, Planegg, Krailling und Gauting. Am Morgen des 27. April, gegen 11 Uhr, also nach 14 Stunden Marsch, durften die Häftlinge im Würmtal bei Leutstetten und Petersbrunn (Gemeinde Leutstetten), wenige Kilometer nördlich von Starnberg gelegen, zum ersten Mal rasten. Bei ihrer Ankunft lagerten dort bis zu 2000 Häftlinge aus dem Außenlager Allach ("Die Dachauer kommen!"). Über deren ethnische Zusammensetzung gibt es nur sehr spärliche Angaben. In verschiedenen Quellen werden zwei benachbarte Örtlichkeiten als Rastplatz genannt: das obere Würmtal vor der Brücke nach Mühltal oder der Leutstettener Brücke nach Starnberg und ein paar Hundert Meter weiter das offene Gelände bei Petersbrunn. Kaplan Hermann Scheipers, Überlebender des Dachauer "Priesterblocks" und Teilnehmer des "Todesmarsches von Dachau", nennt Petersbrunn als Ort des ersten Rastplatzes. Er ist während dieser Rast geflohen. Auf den Wiesen und Feldern bei Petersbrunn ist es gut vorstellbar, dass dort Tausende von Häftlingen lagerten. Im engen und bewaldeten Würmtal bei Leutstetten hält man dies eher für unwahrscheinlich. Doch ehemalige Häftlinge wie der "Reichsdeutsche" Franz Scherz beschrieben in ihren ausführlichen Berichten die Rast an den bewaldeten Hängen des Würmtals sehr genau: "Gegen 11 Uhr vormittags kamen wir in eine Waldschlucht, möglicherweise die Würmschlucht. Links von der Straße floß ein Bach. Weiter vorne befand sich eine Brücke. Beiderseits der Schlucht, steile Berghänge. ... es auf den Hängen nur so wimmelte von Menschen, Häftlingen, die schon vor uns eingetroffen waren und vermutlich aus den Rüstungsbetrieben Allach u.a. stammten." Quellen -> Dokumente Auf jeden Fall liegen beide Örtlichkeiten sehr nahe beisammen. Wenn man die Häftlinge aus Dachau, Türkheim und Allach zusammenrechnet, rasteten zwischen der Leutstettener Brücke und Petersbrunn etwa 10 000 Häftlinge. Von diesem Rastplatz aus bestand der "Todesmarsch von Dachau" also aus drei Gruppen: den 7000 Dachauern, den 1200 Türkheimern (oder Landsbergern?) und den bis zu 2000 Allachern. Die Zahl der Geflüchteten auf dieser ersten Etappe ist unbekannt. Auch über die Zahl der Toten liegen sehr dürftige und nicht mehr nachprüfbare Zahlen vor. Die SS-Wachen ließen zu Beginn des Weitermarsches zwar wieder antreten, führten aber nicht mehr Buch. Viele Häftlinge, die an Erschöpfung starben oder von den Wächtern erschossen oder erschlagen wurden, mussten auf Befehl der SS-Wächter sofort am Wegrand verscharrt werden. Dokumentiert wurden nur die toten Häftlinge, die von der Dorfbevölkerung am Wegrand in Massengräber bestattet wurden (wie am Lager Achmühle-Bolzwang) oder in die Friedhöfe und Pfarreien gebracht, registriert und dort begraben wurden. Der niederländische Suchdienst nennt für die erste Teilstrecke drei Todesopfer: Krailling (1), Gauting (1) und Leutstetten (1). Zweite Etappe: Getrennt marschieren
Am Abend des 27. April, gegen 18.30 Uhr, mussten die KZ-Häftlinge aus Allach, Dachau und Türkheim bei kalter und regnerischer Witterung in Richtung Starnberger See weitermarschieren: "Allach hat die Spitze, ... Die Reichsdeutschen bilden den Schluss." (Bericht Erich Röhl). Geplant war, den See am Westufer zu umgehen. Wegen der näher rückenden Front mussten die Marschführer jedoch umdisponieren. Die Häftlinge wurden östlich von Starnberg durch Percha und Berg in Richtung Loisachtal getrieben. Auch auf dieser Etappe musste wegen der häufigen Tiefflieger-Angriffe nachts marschiert werden. Der Masse der ausländischen Häftlinge fehlte damit jegliche Orientierung, so dass in ihren späteren Erinnerungen Ortsangaben meist fehlen (Ausnahmen: Wolfratshausen, Königsdorf und Bad Tölz). Nur die schon erwähnten "reichsdeutschen" Häftlinge lieferten genauere Orts- und Zeitangaben. In Berg, am Ostufer des Starnberger Sees, wurde der "Todesmarsch von Dachau" inklusive der Häftlinge aus Allach und Türkheim von der SS-Führung geteilt – wahrscheinlich wegen der Unübersichtlichkeit der riesigen Marschkolonnen auf den kurvenreichen Landstraßen durch die bewaldete Hügellandschaft. Als Gesamtzahl nennen die amerikanischen und niederländischen Quellen 8200 Häftlinge, inklusive der Allacher Häftlinge war die Häftlingszahl jedoch schon auf rund 10 000 angeschwollen.
Die eine Hälfte ("Nordgruppe") marschierte über Aufkirchen und Dorfen nach Wolfratshausen, von dort entlang der Loisach in Richtung Süden. Am 28. April erreichte sie Achmühle, den zweiten Rastplatz. Die andere Hälfte ("Südgruppe") zog von Berg nach Süden über Münsing und Degerndorf bis Bolzwang, wo sie ebenfalls am 28. April ankam und dort die zweite Rast einlegte. Achmühle, direkt an der Loisach gelegen, und Bolzwang, oberhalb der Loisachhügel, sind nur einen Kilometer von einander entfernt und durch eine Landstraße verbunden, so dass beide Orte praktisch als ein Ratsplatz der Dachauer, Allacher und Türkheimer Häftlinge betrachtet werden können. Über diese Rast liegen aus mehreren Quellen viele Informationen vor, wahrscheinlich auch wegen der langen Dauer dieser Rast (bis zum Nachmittag des 30. April.). Während der zweiten Marschetappe hatten sich die Ausgangszahlen des "Todesmarsches von Dachau" - außer durch die Allacher und die Türkheime Häftlinge - noch einmal um 2000 Häftlingen erhöht. Sie waren aus Dachau bzw. Emmering per Bahn nach Wolfratshausen transportiert worden und mussten von dort mit der "Nordgruppe" nach Achmühle marschieren. Über ihre ethnische Zusammensetzung liegen keine Angaben vor. In der Nacht vom 28. zum 29. April kam es in den Rastplätzen von Achmühle und Bolzwang zu gewaltsamen Aktionen, hauptsächlich durch russische Häftlinge, die deutschen und jüdischen Häftlingen die Reste ihrer Marschverpflegung raubten. SS-Wächter erschossen viele Russen. Die zweitägige Unterbrechung des Marsches wurde auch durch einen Konflikt zwischen SS-Führern und Wehrmachtsoffizieren verursacht. Letztere ließen Proviant an die Häftlinge verteilen: für je sechs Mann ein Leib Brot und eine Dose Konserven. Der Berliner Jesuitenpater Johannes Zawatzky berichtete als Zeitzeuge von einer riskanten Hilfs- und Rettungsaktion von Patres der Pullacher Jesuitenhochschule auf dem Rastplatz von Achmühle. Angeführt von Pater Otto Pies fuhren sie mit einem LKW zweimal mitten ins Lager, verteilten an die SS-Wachen Schnaps und Zigaretten, an die Häftlinge 1000 Kommissbrote und Büchsenfleisch. Außerdem schmuggelten sie etwa 30 gefangene Priester aus dem Lager und brachten sie zum Jesuitenhaus in Rottmanshöhe am Starnberger See und in die Jesuitenhochschule in Pullach. Pater Pies berichtete über das waghalsige Handeln des Pullacher Jesuitenpaters Graf Tattenbach bei dieser Aktion. Franz von Tattenbach, der bis zum Wehrverbot für Jesuiten Wehrmachtsoffizier gewesen war und nach dem 20. Juli 1944 zu dem in Berlin-Tegel inhaftierten und später hingerichteten Jesuitenpater Alfred Delp Kontakt gehalten hatte, zog für diese Hilfs- und Rettungsaktion seine alte Wehrmachtsuniform an. Die SS-Wächter am Rastplatz Achmühle übertölpelte er mit der Behauptung, er handle "im Auftrag der obersten SA-Führung". Auf der zweiten Marschetappe und der zweiten Rast nahm die Zahl der Todesopfer stark zu. Vom Niederländischen Suchdienst und von der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen wurden nach der Exhumierung der in den einzelnen Gemeinden bestatteten Leichen folgende Todeszahlen registriert: Percha 2, Aufkirchen 4, Dorfen 1, Wolfratshausen 10, Achmühle 40, Münsing 1, Degerndorf (bei Bolzwang) 28, Beuerberg 5. "Hier gute Bauern – hier guter Pfarrer" Über die Situation im Lager bei Achmühle und Bolzwang und über das Verhalten der Einwohner des nahe gelegenen Dorfes Degerndorf erschien im Jahre 2005 ein sehr ausführlicher und authentischer Zeitzeugenbericht des Pfarrers von Degerndorf. Er ist in dem zweibändigen Werk Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Erzbistum München und Freising enthalten. Kardinal Faulhaber hatte am 7. Juni 1945 alle Pfarrstellen seiner Diözese aufgefordert, die Verhältnisse während des Krieges und bei Kriegsende zu beschreiben. Der Bericht des Degerndorfer Pfarrers Ludwig Betzinger wurde am 20. Juli 1945 abgeschlossen, d.h. zeitlich sehr nahe am Geschehen (> Link "Pfarrerberichte"). Unter der Überschrift "Das Elendslager der Dachauer KZ-Häftlinge im Wald bei Achmühle-Bolzwang" nahm "Expositus" Betzinger zu folgenden Punkten Stellung:
Von insgesamt 670 Pfarrstellen der Erzdiözese haben 562 Berichte eingesandt, davon 43 Pfarrämter und "Exposituren" entlang der Todesstrecken von Kaufering, Dachau und Mühldorf in Richtung Alpen. Keines dieser historischen Dokumente beschreibt das Geschehen des "Todesmarsches von Dachau" so ausführlich, engagiert und karitativ wie der "Pfarrerbericht" des "Expositus" von Degerndorf. Dritte Etappe: Chaos nahe der Front – Wann und wo welche Wege? – Wo bleiben die Russen? Nach Prozessaussagen eines SS-Führers und den amerikanischen und niederländischen Quellen lagerten am Rastplatz Achmühle/Bolzwang vom 28. bis zum 30. April 10 000 Häftlinge. Am Nachmittag des 30. April, gegen 15.00 Uhr, befahl SS-Führer Ruppert, zweiter Lagerführer des KZ Dachau, den Weitermarsch in Richtung Süden, loisachaufwärts, über Eurasburg und Beuerberg. Was geschah dann an diesem Nachmittag und Abend? In dem niederländischen Dokument "Evacuation of the C.C. Dachau ..." ist von der Ankunft dieser 10 000 Häftlinge in Beuerberg die Rede, von der Befreiung von 5000 Häftlingen in diesem Dorf noch am selben Tag und – noch am selben Tag - vom Rück- und Weitermarsch von 5000 Häftlingen über Eurasburg, Königsdorf, Bad Tölz bis Greiling östlich von Bad Tölz. Für ausgemergelte und erschöpfte Häftlinge wäre eine solche Marschleistung körperlich und zeitlich unmöglich gewesen. Diese unrealistischen offiziellen Angaben zeigen, dass der "Todesmarsch von Dachau", der bis ins Tiroler Ötztal hätte führen sollen, sich mit dem Ende der zweiten Rast an der Loisach im Chaos der sich rasch nahenden Front halb auflöste, halb diffuse Wege einschlug, dass Zahlen, Zeiten, Ziele und Orte verschwammen. Über den Verbleib bzw. die Befreiung von 5000 Häftlingen in Beuerberg gab es bis zum Jahre 2005 keine zuverlässigen Angaben. Selbst das Bürgermeisteramt von Beuerberg gab diesbezüglich keinerlei Auskunft, als der Würmtaler Gymnasiast Valentin Post im Jahre 2001 im Rahmen seiner Facharbeit über den "Todesmarsch von Dachau" alle Gemeinden und Städte entlang der Gesamtstrecke über ihr Wissen über diese Ereignisse befragte. Erst in dem schon zitierten Werk Das Ende des Zweiten Weltkrieges im Erzbistum München und Freising (> "Pfarrerberichte") enthält der Bericht des Ortspfarrers von Beuerberg zuverlässige Angaben. Pfarrer Johann Baptist Held berichtete am 5. Juli 1945, dass am 30. April 1945 gegen 16.00 Uhr "ein Zug von ca. 5000 Dachauer Häftlingen von Herrenhausen her nach Beuerberg" gekommen sei. Der Beuerberger Pfarrer schreibt weiter, dass die Wachmannschaften durch "das nahe Schießen der Amerikaner" weggelaufen und nach dem "reibungslosen Einmarsch der Amerikaner" die 5000 Häftlinge - "fast durchweg Russen" - befreit worden seien. Der Beuerberger Pfarrerbericht erhält nur eine Information, die schwer nachzuvollziehen ist. Er gibt an, die 5000 russischen Häftlinge sollten von Eurasburg über Herrenhausen und Hofstätt nach Königsdorf marschieren und er erklärt sich die gegensätzliche Marschrichtung so: "Die ersten Hundertschaften, hauptsächlich Deutsche, nahmen den richtigen Weg von Herrenhausen nach Königsdorf, die folgenden gingen irrtümlich zuerst nach Beuerberg und wollten von da nach Königsdorf gehen." Solch ein kapitaler Irrtum der russischen "Hundertschaften", die ja – wie der Pfarrer selber sagt – fünf "Tausendschaften" waren, ist bei der großen Zahl der SS-Wächter nicht glaubhaft. Wir geben für diesen angeblichen Irrmarsch der Russen weiter unten eine authentische Erklärung von der SS-Führung selbst. Warum sollte der gesamte Häftlingszug nicht mehr über Beuerberg hinaus nach Süden marschieren, sondern plötzlich in Richtung Königsdorf, also nach Osten oder Südosten? Nach glaubwürdigen Häftlingsberichten wurde das Ziel "Königsdorf" klar genannt. Laut Leopold Malina und Franz Scherz nannte der stellvertretende Dachauer Lagerführer Ruppert das HJ-Lager Hochland bei Königsdorf als Ziel. Aber auf welchen Wegen sollten die einzelnen Häftlingskolonnen vom Lager Achmühle aus in Richtung Königsdorf und Tölz marschieren und wie bzw. wo wurden die Russen "abgekoppelt"? Dafür kamen drei Wege in Frage, für die es jeweils Zeugen gibt und die möglicherweise – wegen der Tiefflieger-Angriffe - alle drei benützt wurden.
Zur besseren Klärung der verschiedenen Streckenführungen und des Verbleibs der russischen Häftlinge ist es aufschlussreich festzustellen, in welcher Marschordnung die drei "nationalen" Hauptgruppen – Russen, Juden und "Reichsdeutsche" - das Lager Achmühle/Bolzwang verließen. Darüber gibt es vier weitgehend übereinstimmende Häftlingsberichte, die Antworten auf beide Fragen geben:
Die Abtrennung der russischen Häftlinge vom gesamten "Todesmarsch von Dachau", die am 30. April 1945 erfolgte, und ihr Marsch in Richtung Front, in das Dorf Beuerberg, das noch am selben Abend von US-Truppen erobert wurde, habe einem SS-Befehl entsprochen, erklärte Sturmbannführer Fritz Degelow, SS-Führer des Dachauer Häftlingszuges, am 4.11.1945 im Rahmen des Dachauer Prozesses gegen das SS-Personal des KZ Dachau. In seiner eidesstattlichen Erklärung schreibt er: "In dem Lager bei Wolfratshausen (Achmühle/Bolzwang, d. Verf.) habe ich auf eigene Verantwortung den Weitermarsch einstellen lassen, weil das Wetter sich stark verschlechtert hatte. ... Da die Verpflegungsvorräte erschöpft waren, wollte ich sämtliche Häftlinge den amerik. Truppen übergeben. In Königsdorf erhielt ich von einem SS-Brigadeführer ... den Befehl, die Russen und Polen sofort den amerikanischen Truppen zu übergeben, aber mit den deutschen und jüdischen Häftlingen in Richtung Bayerisch-Zell weiterzumarschieren, da dort wieder Verpflegung bereitstehen sollte. Am 30.4. marschierten die deutschen und die jüdischen Häftlinge (ca. 3000) in ein Lager zwischen Königsdorf & Bad Tölz." Ungeachtet des Versuchs dieses SS-Führers, sein Handeln vor dem US-Militärgericht günstig erscheinen zu lassen, ist festzustellen, dass die russischen Häftlinge nach unserer Lagedarstellung schon kurz nach Eurasburg und nicht erst in Königsdorf von den anderen Marschkolonnen abgetrennt wurden. Als diese im Laufe der Nacht durch Königsdorf marschierten, waren die russischen Häftlinge schon in Beuerberg befreit. Der Königsdorfer Pfarrer Sebastian Jell bestätigte diesen Ablauf in seinem Bericht vom 28. Juli 1945: "Die Amerikaner kamen schon am 30. April abends ca. 10 Uhr nach Beuerberg und wären wahrscheinlich östlich weitergezogen nach Königsdorf, wenn nicht wenige Stunden vorher die Loisachbrücke zwischen Beuerberg und Königsdorf gesprengt worden wäre. ... Der größte Teil der KZler war am Abend des 30. April noch durch die Pfarrei hindurch gegen Tölz gezogen, der Rest konnte nicht mehr über die gesprengte Loisachbrücke." Über Marschweg und Marschziele der zweiten Häftlingsgruppe über Königsdorf hinaus sind die Angaben der beiden Hauptquellen über Orte und Zeiten ebenfalls falsch. Das US Dokument vom 2. März 1950 ("Record Branch der Intelligence Section") und das darauf basierende niederländische Dokument stellen fest, dass an diesem 30. April 4500 Häftlinge – nach einem angeblichen Rückmarsch von Beuerberg - noch am selben Tag von Eurasburg aus über Königsdorf, Kirchbichl (!) und Bad Tölz östlich der Isar bis nach Greiling marschierten. Das war unmöglich. Kräfteverfall und das kalte Schneewetter erzwangen für die deutschen und die jüdischen Häftlinge eine dritte Marschpause. Zuverlässige und übereinstimmende Berichte von Häftlingen dokumentieren das von SS-Führer Degelow genannte "Lager zwischen Königsdorf & Bad Tölz". Sie beschreiben, dass sie von Eurasburg aus auf schmalen und verschlungenen Landstraßen in südöstlicher Richtung über Königsdorf hinaus in Richtung Bad Tölz weitermarschieren mussten. Nahe der Dörfer Unterbuchen und Kellershof seien sie in eine Waldschlucht getrieben worden. Nach Auskunft von Zeitzeugen fürchteten viele der Häftlinge, sie würden nach all den Strapazen hier in dieser "Wolfsschlucht" von der SS liquidiert.
Einen Marsch von Königsdorf über Kirchbichl nach Bad Tölz, wie von den amerikanischen und niederländischen Quellen behauptet, gab es nicht. Königsdorf liegt westlich der Isar, Kirchbichl am östlichen Ufer. Die nächste Brücke war in Bad Tölz. Der Häftling Erich Röhl erinnerte sich genau an den Weg der letzten Etappe des "Todesmarsches von Dachau": "1. Mai, morgens 4 ½ Uhr werden wir unter Schüssen und Prügel aus der Schlucht getrieben. Der Weg geht auf schmalen Wegen weiter über Fischbach, Einbach, durch Bad Tölz über Greiling, Reichersbeuern." Dieser Weg führt von Königsdorf bzw. Unterbuchen/Wolfsöd direkt nach Bad Tölz und nicht über Kirchbichl.
Finale Irrwege im Schnee Am 1. Mai mussten die Überlebenden bei zunehmendem Schneefall weitermarschieren – fast verdurstet, ausgehungert, am Ende ihrer Kräfte. Einige Häftlinge erinnern sich, wie makaber sich das Klappern ihrer Holzpantoffeln auf der Tölzer Isarbrücke anhörte, wie beklommen sie an der dortigen SS-Junker-Kaserne vorbeimarschierten - in Richtung Tegernsee. Sie durchquerten die Dörfer Greiling und Reichersbeuern. In einem Wäldchen ("Schopfloch") kurz vor dem Dorf Waakirchen rasteten sie ein viertes Mal. Daran erinnerten sich die schon zitierten deutschen bzw. österreichischen Häftlinge und auch jüdische Häftlinge aus den Kauferinger Lagern wie Solly Ganor, Mordechai Heinovits, Zwi Katz oder Abba Naor. Als sie erwachten, waren die SS-Wachen "abgehauen", ein Wehrmachtsoffizier führte sie nach Waakirchen und brachte sie in den Scheunen des Dorfes unter. 15 Häftlinge starben noch in dieser letzten Nacht im "Schopfloch" oder – als Befreite – in den Scheunen der Bauern von Waakirchen. Die amerikanischen und niederländischen Quellen geben an, in Waakirchen seien 1000 Häftlinge befreit worden. Zwei Zeitzeugen nennen viel höhere Zahlen:
Die Zahlenangaben des Waakirchner Pfarrers erscheinen uns realistischer als die amerikanischen und niederländischen Quellen. Der Pfarrer hatte in seinem kleinen Dorf drei Tage Zeit, sich einen zahlenmäßigen Überblick zu verschaffen. Vor allem muss man folgende Zahlenkorrekturen beachten: Wenn von Eurasburg 4 500 Häftlinge abmarschierten und in Waakirchen nur 1000 befreit wurden. Wo blieben dann die übrigen 3 500? Marschierten sie wirklich ins Tegernseer Tal und wurden dort befreit? Für diese letzte Etappe nennen die amerikanischen und niederländischen Quellen Orts- und Zeitangaben, die ebenfalls nicht vorstellbar und zeitlich falsch sind. Nach der Durchquerung der Dörfer Greiling und Reichersbeuern seien am 1. Mai (!)1000 Häftlinge in Waakirchen befreit worden. Nach dem Weitermarsch von 3000 Häftlingen über Gmund und Tegernsee seien am 2. Mai in Rottach, am südlichen Ende des Tegernsees, weitere 2000 Häftlinge befreit worden. Restliche 360 Häftlinge seien ebenfalls am 2. Mai (!) nach einem Marsch vom Tegernsee nach Wildbad-Kreuth, dem südlichsten Punkt auf dem Weg in die "Alpenfestung", und einem Rückmarsch zum Tegernsee über Wiessee, Gmund und Dürnbach, also wieder nördlich des Tegernsees, von US-Truppen befreit worden. Abgesehen davon, dass die Befreiung in Waakirchen nach Auskunft vieler "reichsdeutscher" und jüdischer Häftlinge am Nachmittag des 2. Mai und nicht am 1. Mai stattfand, sind die amerikanischen und niederländischen Zeitangaben für den angeblichen Weitermarsch durchs Tegernseer Tal bis Wildbad-Kreuth ebenfalls wirklichkeitsfremd. An einem Tag (2. Mai) von Rottach-Egern am Südufer des Tegernsees nach Süden bis Wildbad Kreuth und dann wieder zurück nach Norden, zum Tegernsee, über Wiessee und Gmund bis Dürnbach hinter dem Nordufer des Tegernsees. Das ist zeitlich und geographisch völlig unmöglich. Aus den "Pfarrerberichten" von – in geographischer Reihenfolge – Reichersbeuern, Waakirchen, Gmund, Wiessee, Tegernsee, Rottach und Kreuth erhalten wir folgendes geographisch und zeitlich realitätsnahe Bild:
Aus diesen authentischen und zeitnahen Zeugenaussagen ergeben sich für die Strecke Waakirchen-Tegernsee-Kreuth folgende Korrekturen der zwei offiziellen Quellen:
In unserer Information über die Häftlingsmärsche aus drei KZ Lagern östlich von München ( > Link "Märsche München-Ost" ) halten wir es für möglich, wenn nicht wahrscheinlich, dass es sich bei den in der Tegernseer Region – östlich von Waakirchen - befreiten Häftlingen um Teilnehmer jener drei Evakuierungszüge aus den Zwangsarbeitslagern in den östlichen Vororten von München handelt, die rechts der Isar über Grünwald, Egling und Kirchbichl marschierend am 30.5. Bad Tölz erreichten, zwei Tage vor Ankunft der amerikanischen Truppen, und deren späterer Verbleib in den Quellen keinerlei Erwähnung mehr findet, die in den Akten praktisch verschwunden sind. Auf diese Ungereimtheiten gehen wir in der Datei Quellenanalyse ausführlicher ein. Es kann nicht überraschen, dass das für die Häftlinge so tragische Finale des "Todesmarsches von Dachau" im Voralpenland zwischen Loisach, Isar und Tegernseer Tal keine deutlichen geographischen und zeitrelevanten Spuren hinterlassen hat. Die von uns mit Hilfe der "Pfarrerberichte" dokumentierte Befreiung von 5000 Häftlingen in Beuerberg und von 2700 Häftlingen in Waakirchen erklärt immerhin das Schicksal der Häftlinge des "Todesmarsches von Dachau" – allerdings nur eines sehr großen Teils, denn zu den 6887 Häftlingen aus Dachau, kamen noch 1200 Häftlinge aus Türkheim/Landsberg, bis zu 2000 aus Allach und 2000 aus dem Dachauer Bahntransport bis Wolfratshausen – insgesamt also etwa 12 000 Häftlinge. Nicht Wenigen gelang die Flucht. Viele starben an Erschöpfung und Krankheit oder wurden – hilflos am Boden liegend - von den Wächtern erschossen oder erschlagen. Die Zahlen über den brutalen Häftlingsmord am Straßenrand kennen wir nur zum geringen Teil. Unsere Informationen über den "Todesmarsch von Dachau" bleiben deshalb lückenhaft. |