Vorläufer - Vorläufer der Würmtaler Gedenkzüge

Auslöser, Entscheidungsträger, Initiatoren und buchstäblich Vorläufer der Würmtaler Gedenkzüge waren ein forschungsfähiger und zeitkritischer Gautinger Gymnasiast, geschichtsbewusste Kommunalpoliker in Gauting und benachbarten Gemeinden und vor allem viele engagierte Bürgerinnen und Bürger jeden Alters in vielen Gemeinden entlang der Strecke des "Todesmarsches von Dachau" zwischen Allach und Aufkirchen.

Schrittmacher der Würmtaler Gedenkzüge

  1. Auslöser für Gedenkzüge im Würmtal war das Forschungsprojekt "Der Judenfriedhof in Gauting" des Gautinger Gymnasiasten Matthias Hornstein, das dieser am 11. Februar 1985 als Facharbeit seines Leistungskurses Sozalkunde/Geschichte des dortigen Otto-von-Taube-Gymnasiums vorlegte. Hornstein las die Spuren der Zeitgeschichte, die andere jahrzehntelang übersehen hatten. Die toten Juden von Gauting waren ehemalige KZ-Häftlinge, die den "Todesmarsch von Dachau" zwar überlebt hatten, an dessen Folgen jedoch im Krankenhaus Gauting gestorben waren. Zwei Monate nach Fertigstellung von Hornsteins richtungsweisendem Werk kam es in Gauting zu zwei folgenreichen Initiativen für eine künftige Gedenkarbeit im Würmtal.

  2. Am 19. April 1985 forderten die Fraktionen der Grünen und der SPD im Gautinger Gemeinderat, zur Erinnerung an den "vergessenen Todesmarsch" einen Gedenkstein "an einem zentralen und würdigen Punkt Gautings" zu errichten. Am 25. April 1985 machte Dr. Ekkehard Knobloch, 1. Bürgermeister der Gemeinde Gauting, im Gemeinderat den Vorschlag, alle betroffenen Städte und Gemeinden anzuschreiben, um Gedenksteine "in allen am Weg liegenden Gemeinden" oder "ein gemeinsames Denkmal" zu errichten. Die aufgrund dieser Schüler-Arbeit und der kommunalpolitischen Entscheidungen in Gauting im Jahre 1989 errichteten Todesmarsch-Mahnmale, die der Pullacher Bildhauer Professor Hubertus von Pilgrim gestaltete, wurden für engagierte Bürger und Schüler zu feierlichen Ausgangs- und Zielorten für Gedenkzüge.

  3. Bürgerinnen und Bürger von Gauting warteten nicht so lange. Schon am 27. April 1985 - nur zweieinhalb Monate nach Hornsteins Appell und vier Jahre vor Errichtung der ersten Todesmarsch-Mahnmale in den vier Würmtal-Gemeinden - organisierten sie den ersten Gedenkzug zur Erinnerung an den "Todesmarsch von Dachau". Er begann mit einer Feier im Gautinger Rathaus, auf der Bürgermeister Dr. Knobloch und Hertha von Klewitz Reden hielten. Letztere, eine Tochter des in den KZs Sachsenhausen und Dachau inhaftierten evangelischen Pastors Martin Niemöller, hatte als Kind den Elendszug der Dachauer KZ-Häftlinge gesehen. Der Gautinger Gedenkzug führte - auf den Spuren des Todesmarsches - durch das obere Würmtal bis zum Starnberger Marktplatz. Bei der dortigen Schlussfeier ergriff der Schriftsteller Gert Heidenreich, einer der Initiatoren diesen ersten Würmtaler Gedenkzuges, das Wort.

Mahnmale mobilisieren das Gewissen

Nach diesem aufrüttelndem Auftakt wurde es an der Bürgerfront zunächst wieder ruhig, bis im Jahre 1989 die ersten acht der mittlerweile insgesamt 21 Pilgrim-Mahnmale an der Strecke des "Todesmarsches von Dachau" errichtet waren: in den vier Würmtal-Gemeinden Gauting, Gräfelfing, Krailling und Planegg, in den Münchner Stadtteilen Allach und Pasing sowie in Aufkirchen (Gem. Berg) und Wolfratshausen. Die Mahnmale mobilisierten die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen und das moralische Verantwortungsbewusstsein vieler Bürger - nicht nur zum Thema "Todesmarsch von Dachau".

Vorhut: Schüler aus Gauting

Am 9. November 1992 demonstrierte die Schülerschaft des Gautinger Otto-von-Taube-Gymnasiums ihre Bereitschaft und Fähigkeit zum Erinnern und Gedenken. Unter dem Motto "Gautinger demonstrieren gegen Ausländerfeindlichkeit" zogen sie von ihrer Schule bis zum Gautinger Todesmarsch-Mahnmal. Förderer dieser mustergültigen Schülerinitiative war Joachim Stumpf, Stellvertretender Rektor des Otto-von-Taube-Gymnasiums und seit 1998, also von Anfang an, aktives Mitglied unserer Bürgerinitiative.

Im April des Jahres 1995, zum 50. Gedenktag an den "Todesmarsch von Dachau", organisierten Bürger und Schüler mehrerer Orte Gedenkzüge: in München-Allach, in Berg und in Starnberg.

Katholiken in Allach

Am Abend des 26. April 1995 - genau zur Zeit des Vorbeizugs der Häftlinge vor 50. Jahren - fand In München-Allach eine Gedenkveranstaltung der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) statt. Allach, südlich von Dachau gelegen, war der erste Orte an der Strecke des Marsches vom April 1945. Hier organisierte die KAB München-Allach mit dem KAB-Stadtkreis München-West zwei Gedenkveranstaltungen:
Zunächst eine Gedenkfeier in der katholischen Kirche "Maria Himmelfahrt", in der insbesondere der Augsburger KAB-Sekretär Hans Adlhoch geehrt wurde, der den Todesmarsch von Dachau bis zu seiner Befreiung bei Bad Tölz überlebte, 19 Tage später jedoch an seinen haftbedingten Krankheiten starb.
Nach dem Gedenken in der Kirche zogen die Teilnehmer zum Allacher Todesmarsch-Mahnmal vor der Volksschule an der Eversbuschstraße. Hier wurde ebenfalls der Todesopfer des Todesmarsches gedacht.

Evangelische und katholische Christen am Starnberger See

Am 26. und 27. April 1945 organisierten Einwohner der Gemeinde Berg am Ostufer des Starnberger Sees, wo der Dachauer Todesmarsch am Abend des 27. April 1945 in eine "nördliche" und eine "südliche" Marschgruppe geteilt wurde, mit engagierten Bürgern aus Nachbargemeinden drei hervorragende Gedenkaktionen.

  1. Am 26. April 1995, anläßlich des 50. Jahrestags des "Todesmarsches von Dachau", veranstalteten der Kulturverein Berg, die Evangelische Kirchengemeinde Berg, die Katholische Kirchengemeinde Aufkirchen und zahlreiche Berger Bürgerinnen und Bürger im Rathaus ihrer Gemeinde eine reichhaltige Ausstellung "Gegen das Vergessen" mit historischen Bildern und Dokumenten von Zeitzeugen des Todesmarsches. Bei der Eröffnung sprachen der Bürgermeister und drei Pfarrer.

  2. Am 27. April 1995 organisierte die Evangelische Kirchengemeinde von Berg einen Gedenkzug vom Mahnmal bei Petersbrunn, wo die Dachauer Häftlinge am Morgen des 27.4.1945 die erste Rast einlegten, über Starnberg, Percha, Berg bis zum Mahnmal in Aufhausen und zum Friedhof von Aufkirchen, wo zwei tote Häftlinge vor 50 Jahren begraben wurden.

  3. Am 28. April 1995 hielten die evangelische und die katholische Gemeinde von Starnberg sowie die katholischen Pfarreien von Aufkirchen und Percha am Petersbrunner Mahnmal einen Ökumenischen Gedenkgottesdienst.

Mit Fackeln von Gauting nach Planegg

Am 9. November 1997 organisierten Schüler des Gautinger Otto-von-Taube-Gymnasiums einen Gedenkzug von Mahnmal zu Mahnmal in umgekehrter Richtung und in Erinnerung an ein anderes Nazi-Verbrechen als den "Todesmarsch von Dachau". Zum Gedenken an die "Reichskristallnacht" vom 9./10. November 1938 hielten sie vor dem Gautinger Mahnmal eine Feier ab, auf der Dr. Ekkehard Knobloch, 1. Bürgermeister der Gemeinde und Protagonist für die Errichtung der Denkmäler von Hubertus von Pilgrim, eine Rede hielt. Dann gingen sie mit Fackeln über Krailling bis Planegg, wo sie - zusammen mit Schülern des dortigen Feodor-Lynen-Gamnasiums - eine Abschlussfeier hielten. Vor dem Planegger Mahnmal lasen die Gymnasiasten Anita Kumar und Philipp Wünscher aus Erich Kästners "Die Nacht der Scherben" und aus dem Buch "Das andere Leben", verfasst von Solly Ganor, einem Überlebenden der Todesmärsche von Utting nach Dachau und von Dachau nach Waakirchen. Auch diese Gedenkveranstaltung Gautinger und anderer Würmtaler Schüler war von Hans Joachim Stumpf, Konrektor am Gautinger Gymnasium initiiert worden. vom

Leuchtzeichen für die Würmtaler Bürgerinitiative

Der Fackelzug vom Gautinger zum Planegger Mahnmal war der Auslöser für die Gründung der "Würmtaler Bürgerinitiative zur Erinnerung an den Todesmarsch von Dachau", deren Ziel es sein sollte, an den historischen Tagen alljährlich Gedenkzüge entlang der Würmtaler Mahnmale zu organisieren. Friedrich Schreiber, Ende Februar 1997 von seiner neunjährigen Korrespondententätigkeit in Tel Aviv nach Gräfelfing zurückgekehrt, las darüber in der Lokalpresse. Ohne Kenntnis der vorgehenden Gedenkaktivitäten zwischen Allach und Aufkirchen überlegte er: Warum am 9. November entlang der Todesmarsch-Mahnmalewegen eines anderen Nazi-Verbrechens einen Gedenkzug organisieren? Warum nicht in den letzten Apriltagen zur Erinnerung an den Elendszug der Dachauer KZ-Häftlinge, die in der Nacht vom 26./27. April 1945 durch die Würmtaler Gemeinden Gräfelfing, Planegg, Krailling und Gauting marschieren mussten?

Eine erste Kenntnis von den Mahnmalen erhielt er nicht in seiner Würmtaler Heimat, sondern in Jerusalem, als dort im November 1992 eine Kopie des von Professor Hubert von Pilgrim geschaffenen Todesmarsch-Mahnmals in der israelischen Holokaust-Gedenkstätte Jad Vaschem feierlich eingeweiht wurde. Er filmte dieses Ereignis als Fernseh-Korrespondent der ARD - für ihn ein doppelt bewegendes Ereignis, denn neben Überlebenden des Todesmarsches und israelischen Honoratioren nahmen die Bürgermeister der Würmtal-Gemeinden Gauting, Gräfelfing, Krailling und Planegg, der Landrat des Landkreises München und die Leiterin der KZ Gedenkstätte Dachau, Frau Dr. Barbara Distel, an der eindrucksvollen Feier teil.

Die Teilnahme an der Jerusalemer Einweihungsfeier hatten unmittelbare Folgen. Friedrich Schreiber plante eine Fernsehdokumentation über den "Todesmarsch von Dachau", für die er mit Stefan Meining nicht nur seltenes Archiv-Material und örtliche Zeitzeugen suchte, sondern vor allem Solly Ganor und Zwi Katz, beide Überlebende des "Todesmarsches von Dachau", über ihre Erlebnisse ausführlich interviewte. Mit den israelischen Überlebenden flog er im April 1995 anlässlich des 40. Jahrestags der Befreiung nach Deutschland. Dort bildeten zwei ergreifende Szenen den Anfang und das Ende der Dokumentation: am Anfang der Besuch der israelischen Gäste auf dem jüdischen Friedhof in Gauting, den der Gautinger Gymnasiast Matthias Hornstein mit deiner Facharbeit ins Blickfeld gerückt hatte, und am Ende - nach einer Busfahrt auf den Spuren des "Todesmarsches von Dachau" - das Totengebet der ehemaligen KZ-Häftlinge im "Schopfloch", einem Waldstück zwischen den Dörfern Reichersbeuern und Waakirchen, wo die Überlebenden am Morgen des 2. Mai 1945 die frische Luft der Freiheit atmen konnten.

Gedenkzüge auf den Spuren der Vorläufer

Die geschilderten Ereignisse und Erlebnisse im November 1992, im April 1995 und im November 1997 führten kurz nach letzterem Eindruck zu der Idee und zu dem Entschluss, alljährlich entlang der Würmtaler Mahnmale einen Gedenkzug zur Erinnerung an den Todesmarsch von Dachau zu veranstalten. Es war eine unentbehrliche Hilfe und bis heute ein großer Gewinn, dass Hans Joachim Stumpf und Christian Schulz, die als Lehrer des Gautinger Otto-von-Taube-Gymnasiums bzw. des Planegger Feodor-Lynen-Gymnasiums ihre Schülerinnen und Schüler schon in der beschriebenen Vorphase für Gedenkarbeit gewonnen hatten, die im April 1998 gegründete Bürgerinitiative mit ihren wertvollen Erfahrung tatkräftig unterstützten. Heute tun beide dies als stelvvertretende Vorsitzende unseres Vereins "Gedenken im Würmtal". Sie verkörpern die Kontinuität zwischen "Vorläufern", Gegenwart und Zukunft.

Unter der Überschrift "Vorläufer" verdienen selbstverständlich auch die Gedenkfeiern Beachtung, die vor 1998 - abseits vom Würmtal - im Zusammenhang mit der Errichtung von 16 Mahnmalen an anderen Strecken des "Todesmarsches von Dachau" veranstaltet wurden - von Landsberg und Fürstenfeldbruck über Grünweald, Geretsried und Dorfen bis Bad Tölz und Waakirchen. Besonders hingewiesen sei auf die beiden Mahnmale in Landsberg, Petersbrunn (Starnberg) und Schwabhausen, die nicht von Professor Hubertus von Pilgrim, sondern von anderen Bildhauern gestaltet wurden.

Ob Gautinger oder Planegger Schülerinnen und Schüler, ob Allacher oder Starnberger Bürgerinnen und Bürger, ob bekannt oder unbekannt - alle unsere Vorgänger wiesen uns den Weg der Erinnerung und des Gedenkens.