6. März 2010 - KZ Auschwitz-Birkenau: Rosen aus dem Würmtal

Gautinger Student von "Gedenken im Würmtal e.V." ehrt Angehörige Überlebender des KZ Kaufering

Als Martin Schmid, 24 Jahre junger Bürger der Würmtal-Gemeinde Gauting bei München und Student am Europa-Kolleg Brügge, mit 56 Studienkollegen die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau betrat, fühlte und dachte er nicht wie die meisten Menschen, die diese größte Ermordungsstätte des Nazi-Regimes von Hitler und Himmler besuchen. Er hatte ganz bestimmte Namen und Schicksale von Ermordeten und Überlebenden vor Augen, als er das Tor mit dem Hauptgleis durchschritt, das in millionenfachen Tod führte, als er sah, wie die Gleise sich wie zu einem Güterbahnhof verzweigten. Aber er wusste, dass dies kein Warenumschlagplatz, sondern Endstation war für bis zu zwei Millionen meist jüdische Menschen aus allen deutsch besetzten Ländern. Mit Gebrüll und Schlägen wurden sie aus voll gepferchten Viehwaggons heraus getrieben, mussten auf die berüchtigte "Rampe" herunterspringen, die gar keine Rampe war, keine erhöhte Ladefläche, sondern ein breiter und langgezogener Kiesplatz, auf dem Tausende wie eine Viehherde zusammengetrieben wurden, dann von SS-Ärzten wie Dr. Mengele mit eiskalter Handbewegung auseinanderselektiert: in todgeweihte Alte, Kinder und Kranke und in Männer und Frauen, die der SS-Arzt als arbeitsfähig einschätzte, deren Kräfte nach Meinung der SS noch einige Monate durch Zwangsarbeit verwertet werden konnten. Dieses SS-Programm "Vernichtung durch Arbeit" überlebten Martin Schmids jüdische Freunde Chaim, Max, Mordechai und Peter. Der Tod ihrer Familien im Gas von Auschwitz motivierte ihn zu einer würdevollen Geste.

Martin Schmid ist Mitglied von "Gegen Vergessen - Für Demokratie" und der Vereine "Gedenken im Würmtal" und "Gedenken in Kaufering". Schon als Schüler und Vertreter der Schülerschaft des Feodor-Lynen-Gymnasium der Würmtal-Gemeinde Planegg engagierte er sich für die seit 1998 organisierten Gedenkzüge zur Erinnerung an die Todesmärsche aus Dachau, Kaufering und Allach. Über die historische Strecke in Richtung Alpen und entlang der Todesmarsch-Mahnmale, die die vier Würmtal-Gemeinden Gräfelfing, Planegg. Krailling und Gauting errichtet haben, marschieren jetzt engagierte Bürger und Jugendliche. Diese Gedenkzüge stehen unter den Mottos "Denkmale lebendig machen" und "Den Stab der Erinnerung an die Jugend weitergeben". Bei diesen Gedenkzügen lernte Martin Schmid Überlebende des Todesmarsches von Kaufering über Dachau und Allach durch das Würmtal kennen. Als jetzt sein Europa-Kolleg eine Studienreise nach Polen unternahm, beschloss Martin, den Stab der Erinnerung und des Gedenkens aus seinem heimatlichen Würmtal zur Rampe nach Auschwitz zu tragen.

Die Namen und Schicksale, die Martin beim Betreten des ehemaligen KZ Auschwitz II durch den Kopf gingen, betrafen Chaim Melech, Peter Gardosch und Mordechai Heinovits, Juden aus dem ungarischen Siebenbürgen, die an der Auschwitzer Rampe die Selektion ihrer Familien überlebt hatten und in die Zwangsarbeitslager des KZ Kaufering deportiert wurden. Und er dachte an Max Volpert und Uri Chanoch, litauische Juden und ebenfalls ehemalige Häftlinge des KZ-Kaufering, deren Angehörige zur Ermordung nach Auschwitz transportiert worden waren.

Martin wusste aus dem Erinnerungsbuch von Peter Gardosch, dass sein Transport aus Siebenbürgen am 8. Juni 1944 an der Auschwitzer Rampe angekommen war. Es ist naheliegend, dass zu den 4000 Juden aus Siebenbürgern auch Chaim Melech und Mordechai Heinovits zählten. Die Beiden und Peter Gardosch wurden Mitte Juni aus Auschwitz im selben Transport zur Zwangsarbeit nach Kaufering geschickt. Es war der allererste Häftlingstransport in das Dachauer Außenkommando mit seinen 11 Arbeitslagern, es waren die ersten tausend von insgesamt 30.000 meist jüdischen Häftlingen, die am 18. Juni 1944 am Kauferinger Bahnhof ankamen, und Mordechai, Peter und Melech zählten mit ihren Häftlingsnummern 71896, 72034 und 72078 zu den "Gründern" des Kauferinger Lager I.

Uri Chanoch und Max Volpert, waren aus Litauen zur Zwangsarbeit direkt - ohne "Zwischenstation" Auschwitz - nach Kaufering deportiert worden, Uris Vater von dort schwerkrank zur "Genesung im Sanatorium" nach Auschwitz geschickt. Max Volperts Mutter und Schwester wurden über das KZ Stutthof bei Danzig zur Ermordung nach Auschwitz "ausgesiedelt".

An der "Rampe" erlebten die deportierten Familien die letzten Minuten gemeinsamen Daseins. Von hier aus sahen die "Arbeitsfähigen", die überleben durften, den letzten Weg ihrer zur Ermordung bestimmter Großeltern, Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten zu den nur wenige Hundert Meter entfernten Gaskammern. Der Kiesweg zwischen den Gleisen, auf denen die Todgeweihten weggetrieben wurden, endete vor einem undurchsichtigen Zaun. Noch heute sieht man dort die Ruinen der Gaskammern und Krematorien Nr. 1 und 2, der beiden größten Vernichtungsanlagen des industrialisieren Völkermords an den europäischen Juden.

An diesem Horrorort der Historie bat Martin Schmid seine 56 Studienfreunde zu einer besonderen Feier. Erst sprach Martin zu seinen Kommilitonen, um ihnen den Grund für diese Geste des Gedenkens zu erläutern. Dann verlas er die 22 Namen aller in Auschwitz ermordeten Angehörigen seiner Freunde. Schließlich legten er und seine Studienkollegen 22 rote Rosen mit Trauerkarten versehen auf die kalten Schienen vor dem ehemaligen Zaun vor den Gaskammern. Auf jeder Karte stand eine Erinnerung an die 22 Toten.

Auf der Karte für den Vater von Chaim Melech (damals Malek) steht geschrieben: "Im Gedenken an Elias Malek, ermordet in Auschwitz". Für Chaim Melech, der an der "Rampe" von der SS als arbeitsfähig aussortiert worden war, bedeutete der letzte Blick auf die Häftlingskolonne am Ende der Gleiskörper einen grausamen Abschied. Elf seiner Familienmitglieder verschwanden dort hinter einem Zaun, der von düster qualmenden Kaminen überragt wurde: die Großeltern Moses und Scheinda, seine Mutter Tehila, seine Schwester Fanni, die Onkel Abraham und Jakob, die Tanten Ester, Gisela, Miriam und Rachel. Chaims Vater Elias überlebte die Selektion von Auschwitz, wurde zusammen mit ihm zur Zwangsarbeit in die "Kalten Krematorien" von Kaufering transportiert, von dort als Schwerkranker zur "Erholung ins Sanatorium" geschickt - Zielort laut Lagerbuch III von Kaufering: "K.L.A.", im SS-Jargon das Kürzel für "Konzentrationslager Auschwitz". Das Tragische am Schicksal von Chaims Vater Elias ist die Tatsache, dass am 25. Oktober 1944 ein dritter Häftlingszug mit ungarischen Juden aus Auschwitz in Kaufering ankam und noch am selben Tag mit Hunderten, vielleicht sogar tausend halbtot gearbeiteten Häftlingen nach Auschwitz zurückfuhr - zur Vollendung des SS-Programms "Vernichtung durch Arbeit".

Auch für die Angehörigen von Max Volpert, Mordechai Heinovits und Uri Chanoch legte Martin Rosen auf die Gleise. Mordechai, der wie Chaim und Peter aus Siebenbürgen nach Auschwitz und Kaufering deportiert wurde, überlebte auch den Todesmarsch durch das Würmtal. In Auschwitz wurden sein Vater Ephraim und sein Bruder Tibi nach der Selektion ermordet. Max Volpert, mit dessen Familie Martin gut befreundet ist, wurde von Litauen nach Kaufering deportiert und durchs Würmtal getrieben. In Auschwitz verlor Max Mutter Perle und Schwester Ralia. Von Uri Chanochs Familie wurden in Litauen viele Mitglieder durch die SS-Erschießungskommandos ermordet, er und sein Vater Faivel zur "Vernichtung durch Arbeit" nach Kaufering verschleppt. Den schwerkranken Vater schickte die SS ebenfalls zur Genesung ins "Sanatorium K.L.A".

Als sich Martin Schmid dem Ende des letzten Gleises näherte, erinnerte er sich an das Wort von Peter Gardosch: "Dort verlor ich meine Mutter aus den Augen, dort verschwand ihr heller Strohhut." Peter Gardoschs Deportationszug aus Siebenbürgen war am 8. Juni 1944 morgens um halb fünf an der "Rampe" angekommen. Dort erlebte er die Selektion von rund 4000 ungarisch-jüdischen Schicksalsgenossen in Arbeitsfähige und Todgeweihte, auch die Trennung seiner Familie. Peter hatte Martin erzählt, wie seine Mutter, genannt Agi, die "Umsiedlung" nach Auschwitz betrachtetet hatte. "Bei den Deutschen müssen wir sicher in der Landwirtschaft arbeiten. Da kann ich meinen Strohhut gut gebrauchen." In dem Buch, in dem Peter Gardosch seine leidvolle Vergangenheit bewältigt, beschreibt er die zynisch-brutale Szene, als mit seiner Mutter Agnes ("Agi") auch seine Schwester Alice und seine Großeltern Joseph und Rebeka weggetrieben wurden und wie er schließlich am Ende der Gleise, kurz vor den beiden Krematorien 1 und 2, die Mutter aus den Augen verlor: "Ein sehr gut aussehender SS-Offizier winkte mit kaum wahrnehmbarer Geste, in welche der beiden Menschenkolonnen man zu gehen hatte. Als Peter vor ihm stand, fragte er: "Wie alt?". Peter log instinktiv: Sechzehn". (Peter Gardosch war damals 13 Jahre alt!) Es folgte ein Wink nach links. Hinter ihm folgte Agi und die Großmutter. Der Offizier winkte Agi nach links und die Großmutter nach rechts. Agi stutze für einen Augenblick: "Darf ich bitte mit bei meiner Mutter bleiben?" Der Offizier antwortete mit höflichem Tonfall: "Aber selbstverständlich. Bitte gehen Sie mit Ihrer Frau Mutter." Agi hakte sich bei ihrer Mutter unter, setzte ihren Strohhut auf und reihte sich in die endlose Reihe von älteren Frauen und Männern und Frauen mit kleinen Kindern ein. Die Kolonne entfernte sich langsam. Peter winkte noch. Er sah den Strohhut seiner Mutter. Angetrieben musste er im Laufschritt links abbiegen. Während ihres Marsches unter dem ständigen "Los,los"-Gebrüll erblickte Peter in der Ferne zwei ungewöhnlich große, viereckige, ziegelrote Schornsteine. Aus den Schornsteinen quoll dunkler Rauch und unmittelbar an der Öffnung gelb-rot loderndes Feuer."

Um den schicksalsschweren Gedenkweg vom Würmtal nach Auschwitz bildlich zu belegen, schickte Martin Schmid nach seiner Polenreise Fotos an Peter Gardosch, darunter ein Foto mit vier Rosen auf einem Gleis, mit vier Karten und vier Namen: Agnes Gardosch, geb. Haimann - Alice Julia Gardosch - Dr. Joseph Haimann - Rebeka Haimann. Peter Gardosch antwortete mit den Worten: "Ich kann tief bewegt nur ein Wort sagen: DANKE!!! Seit genau 66 Jahren sind zum ersten Male Blumen auf das symbolische Grab meiner Lieben gelegt worden!!! Danke aus vollem Herzen."