Grußwort von Frau Knobloch anlässlich des 19. Jahrestags

Festakt der Gemeinde Gauting am 4. Mai 2008

Grußwort von Frau Knobloch anlässlich des 19. Jahrestags des Gautinger Mahnmals am 4. Mai 2008

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Servatius, ich begrüße die Herren Uri Chanoch und Abba Naor sowie Herrn Altbürgermeister Dr. Ekkehard Knobloch, sehr geehrter Herr Dr. Schreiber, meine sehr geehrten Damen und Herren,

in einer Aprilnacht im Jahre 1945 wurde Gauting Zeuge eines grausamen Schauspiels: Tausende ausgemergelter und ausgehungerter Gestalten wurden aus dem Konzentrationslager Dachau Richtung Süden getrieben. Anwohner können noch heute davon berichte, wie sie das Klappern der Holzschuhe – das Schlurfen erschöpfter Schritte – hörten. Es muss ein gespenstischer Anblick gewesen sein, wie im fahlen Licht der Nacht ein Häftlingszug seinen grausamen Weg ins Ungewisse beschritt. Wo sollte er enden, dieser Weg Planten die Nazis die finale Vernichtung? Irgendwo in einem abgelegenen Tal Tirols? Oder waren sie kaltblütig darauf aus, auch in den letzten Kriegstagen noch Arbeitsreserven für den Festungsbau in den Alpen auszunutzen?

Was auch immer ihr Ziel gewesen sein mag – Fakt ist, dass Hunderte von Häftlingen auf der Straße nach Süden ihr Leben lassen mussten. Sie starben an Hunger, Erschöpfung und den fürchterlichen Qualen, die ihnen ihre brutalen Bewacher zufügten. Der Todesmarsch von Dachau ist noch heute eine Chiffre für die Grausamkeit der SS-Wachen bis zum allerletzten Tag.

Verehrte Anwesende,
ich bin deshalb dankbar, heute hier bei ihnen zu sein und erleben zu dürfen, dass es in unserem Land Bürger gibt, die sich der schrecklichen Vergangenheit Deutschlands stellen und bereit sind, Verantwortung für Gegenwart und Zukunft zu übernehmen. Für mich, die ich die schwere Zeit der Verfolgung überlebt habe, ist die heutige Veranstaltung mehr als ein Erinnerungszeichen: Sie ist Symbol für ein demokratisches Bürgerethos und hoffnungsvoller Ausdruck einer friedlichen Zukunft.

Denn diese kann es ja nur dann geben, wenn wir anerkennen, dass Menschlichkeit aus der Erinnerung an die Vergangenheit erwächst. Wenn wir en Mut finden, die historische Erfahrung wahrhaftig zu benennen und ihr Zeuge zu sein.

Ich sage dies vor allem mit Blick auf die Neonazi-Aufmärsche, die wir in den vergangenen Tagen erleben mussten: In Nürnberg stiefelten braune Horden grölend durch die Innenstadt, in München erdreistete sich der Repräsentant der antidemokratischen "Bürgerinitiative Ausländerstopp" anlässlich der ersten Sitzung des neuen Stadtrates, den Hitlergruß zu zeigen und in Hamburg ist es den Rechtsextremisten sogar gelungen, einen ganzen Zug in ihre Gewalt zu bringen.

Diese unverhohlene und brutale Zurschaustellung brauner Gesinnung ist beängstigend und alarmierend. Sie nimmt einen jeden von uns in die Pflicht, hier entschieden Gegenöffentlichkeit zu schaffen, denn schweigend oder gar passiv zuzuschauen, wie die Neonazis sukzessive in den öffentlichen Raum expandieren, ist keine Alternative. Gerade heute – wo ein Verbot der NPD in weite Ferne gerückt ist und die Rechtsextremisten ihre Propaganda mit staatlichen Mitteln unters Volk bringen können – ist es unerlässlich, dass jeder Einzelne seine Verantwortung als Bürger dieses Landes begreift und handelt.

Voraussetzung hierfür ist, die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit wach zu halten. Wie sie uns Mahnung und Auftrag zugleich ist, den Anfängen zu wehren. Ja, weil sie uns überhaupt erst dazu befähigt, die Anfänge zu sehen, die Mechanismen und Strategien von Antidemokraten zu entlarven. Und weil sie uns daran erinnert, dass wir die moralische Pflicht haben, uns gegen die Agitationen der Rechtsextremisten zu wehren.

Meine Damen und Herren,
vor dem Hintergrund der rohen Gewalt, die in den vergangenen Tagen von den Neonazis ausgegangen ist, beunruhigt es mich umso mehr, dass die Erinnerungskultur in Deutschland im Wandel begriffen ist. Dies liegt nicht zuletzt am Verlust der Zeitzeugen – jener Generation also, die selbst und authentisch Zeugnis ablegen kann vom dunklen Kapitel deutscher Geschichte. Gerade deshalb aber sind wir darauf angewiesen, dass die junge Generation die Erinnerung an jene Zeit bewahrt und weitertransportiert.

Wie aber soll dies angesichts der zunehmen Hinwendung zur Leiderfahrung der nichtjüdischen Deutschen auf würdige Weise geschehen? Ich sage dies vor dem Hintergrund der enormen Popularität von TV-Mehrteilern wie "Die Flucht" oder "Die Gustloff". Denn diese haben das Potential, den gesellschaftlichen Grundkonsens – der daran besteht, dass die Shoa und eben nicht die deutsche Leiderfahrung zentrales Motiv unserer Erinnerungskultur bleiben muss – schleichend in Frage zu stellen.

Natürlich geht es mir nicht darum, jedem, der sicht mit dem Thema Vertreibung oder Bombenkrieg beschäftigt, Revisionismus zu unterstellen. Diese Aspekte der Geschichte können und sollen ebenso untersucht und thematisiert werden, wie der Genozid am jüdischen Volk. Aber: Wer von Vertreibung spricht, darf über Auschwitz nicht schweigen. Sonst laufen wir Gefahr, einer Relativierung der Geschichte Vorschub zu leisten, ja Ursache und Wirkung miteinander zu vertauschen.

Diese Tendenz, aus einer Generation von Tätern und Mitläufern Opfer zu machen, zeigt sich auch an der aktuellen Diskussion um ein so genanntes "Zentrum gegen Vertreibungen", das als Dokumentationsstätte in Berlin errichtet werden soll. Besonders alarmierend ist dabei, dass die Konzeption dieses Zentrums auch vorsieht, die Vertreibung der europäischen Juden zum Ausstellungsgegenstand zu machen. Es ist doch offensichtlich, dass sich der Bund der Vertriebenen hier ungefragt und unbevollmächtigt das Gedenken anderer Gruppen aneignet, um die Unterschiede in den jeweiligen Erfahrungen zu verwischen und zu relativieren. Die damit betriebene Einreihung in eine nur noch allgemeine "Opferkategorie" erlaubt es, die Ursache der Vertreibung der Deutschen – nämlich den Angriffskrieg – aus den Ausstellungsinhalten völlig auszuklammern.

Ähnlich verhält es sich mit der Gedenkstättenkonzeption des Bundes, die meiner Ansicht nach eine Nivellierung der Unterschiede zwischen NS-Regime und SED-Regime bedeutet. Die Erkenntnisse über die Ursachen, die Zusammenhänge, die völlig unterschiedlichen Dimensionen der Verbrechen, ja letztlich das Wissen um die Präzedenzlosigkeit des Holocausts werden in diesem Diskurs von der "doppelten Diktatur" untergehen. Einer verantwortungsbewussten Erinnerungskultur, die diese Gesellschaft für die Herausforderung der Zukunft wappnet, ist diese Entwicklung abträglich.

Meine Damen und Herren,
dies müssen wir uns heute, mit Blick auf den Generationenwechsel, deutlich vor Augen führen. Wir haben die Pflicht, Formen des Gedenkens zu suchen, die einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Vergangenheit garantieren und kommende Generationen für das Geschehene sensibilisieren.

Die lebendige Erinnerungskultur hier im Würmtal kann dabei wegweisend sein. Denn solange wir nicht vergessen, was hier vor 63 Jahren geschehen ist - und wie es dazu kommen konnte - werden die Bürger Gautings auch weiterhin entschlossene Gegner von Rechtsextremismus, Hass und Ausgrenzung bleiben.

Uri Chanoch
Abba Naor

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit