Mahnmal im Werdenfelser Land

Würmtaler Bürgerinitiative inspiriert Gemeinderat von Mittenwald
Marktgemeinde gedenkt des Todesmarsches durchs Obere Isartal

In den letzten Apriltagen des Jahres 1945 wurden auch die Menschen in den idyllischen Orten zwischen Karwendel und Wetterstein Zeugen der brutalen Nazigewalt gegen rassisch Verfolgte. Ein Bahntransport Dachauer KZ-Häftlinge, die am 23. April 1945 mit dem Ziel Tirol verladen wurden, erreichte nach einer Irrfahrt über Nebenstrecken am 28 April Seefeld in Tirol, wo 63 Leichen ausgeladen wurden. Der Gauleiter von Tirol ließ den Zug jedoch nicht weiterfahren. Die 2000 Häftlinge, die die Strapazen des mehrtägigen Transports überlebt hatten, wurden zu Fuß ins "Reich" zurückgetrieben. Die SS wollte die ausgemergelten Menschen bei Mittenwald erschießen. Die Wehrmacht verhinderte es.

Als die US-Armee in Mittenwald einmarschierte, waren weitere 107 Häftlinge an Hunger, Durst, Krankheit und den Schlägen ihrer SS-Wächter erlegen. Die Amerikaner forderten die Mittenwalder Bevölkerung auf, die Leichen der verstorbenen Häftlinge auf ihrem Friedhof zu bestatten. Später wurden sie von der Bayerischen Verwaltung für Schlösser, Gärten und Seen exhumiert und nahe der KZ-Gedenkstätte Dachau würdig bestattet. Einige Mittenwalder Einwohner, wie die Großmutter von Georg Gschwendtner, des 2. Bürgermeisters von Mittenwald, gaben den elenden Häftlingen Wasser, Brot und Salz. Aber mit der Zeit geriet dieses kurze, aber schreckliche Kapitel der Mittenwalder Heimatgeschichte in Vergessenheit. Schüchterne Vorschläge einzelner Bürger, den KZ-Opfern von Mittenwald ein Mahnmal zu errichten, scheiterten. Der Gemeinderat lehnte dieses Ansinnen ab. Die Stimmung in der Marktgemeinde war nicht günstig. Schuld daran haben vor allem massive Angriffe von außen gegen die Kameradschaftstreffen vor dem Ehrenmal der Gebirgsjäger auf dem "Hohen Brendten" bei Mittenwald, die sich nicht nur gegen Kriegsverbrechen Mittenwalder Gebirgsjäger in Griechenland richten, sondern ganz allgemein die Bundeswehr angreifen. Gegen diese jährlichen Offensiven der Antifa-Front igelte sich die Marktgemeinde ein. Für Vergangenheitsbewältigung war das Klima im Windschatten zwischen Karwendel und Wetterstein sehr schlecht. Man war nicht bereit, zwischen Kriegsverbrechen in Griechenland und Dachauer KZ-Häftlingen, an deren Leid kein Mittenwalder schuldig war, zu differenzieren.

Das änderte sich am 30. Januar 2007 sehr schnell. An diesem Tag organisierte die Schülerschaft des Werdenfelser Gymnasiums in Garmisch anlässlich des deutschen Gedenktags zur Erinnerung an die Opfer des Naziregimes eine eindrucksvolle Gedenkveranstaltung mit dramaturgischen Sketches und Vorträgen. Zentrales Thema war die Forderung, in Mittenwald ein Mahnmal zu errichten, das an die KZ-Häftlinge erinnert, die am Ende eines Todesmarsches noch kurz vor ihrer Befreiung starben. Um sich über Erfahrungen mit Mahnmalen und über praktische Gedenkarbeit zu informieren, luden die Werdenfelser Schüler auch Dr. Friedrich Schreiber ein, den Sprecher der Würmtaler Bürgerinitiative. Er ermunterte sie, sich als "Vorhut einer Gedenkbewegung" zu fühlen und beharrlich auf ein Mahnmal in Mittenwald zu drängen. Am Ende sprach Schreiber einen folgenreichen Satz, der den Bürgermeister und den Gemeinderat von Mittenwald tief berührte: "Wenn Gemeinden kein Mahnmal errichten, liegt es nicht an den Finanzen, sondern an der Härte der Herzen.

Der Garmischer Schülerappell und Schreibers Wort von der "Härte der Herzen" bewirkten in Mittenwald schnelles Handeln. Am 1. Februar 2007 berichtetete das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt über die Veranstaltung im Werdenfelser Gymnasium. Am 18. Februar teilte der 1. Bürgermeister von Mittenwald Schreiber telefonisch mit, dass sich am 13. Februar alle Fraktionen des Gemeinderats in nichtöffentlicher Sitzung einhellig für die Errichtung eines Mahnmals ausgesprochen hätten. In der folgenden Gemeinderatssitzung, am 20. März, fasste der Gemeinderat in öffentlicher Sitzung einen Beschluss zum Thema "Mahnmal". Welchen Beschluss? Errichtung eines Mahnmals? Nein, Anbringung einer Plakette an einem bestehenden Denkmalsockel, auf dem eine broncene Skulptur angebracht ist, die offensichtlich eine einheimische Frau darstellt, die wahrscheinlich über vestorbene Einheimische trauert. So fand die Marktgemeinde Mittenwald sehr rasch einen Ausweg aus einem überfälligen moralischen Dilemma. Am Montag, dem 30. April 2007, genau drei Monate nach der Würmtaler Gedenkhilfe im Werdenfelser Gymnasium, wurde von Bürgermeister Hermann Salminger im Mittenwalder Friedhof in einer würdigen Feier eine Plakette eingeweiht, die an die in Mittenwald gestorbenen KZ-Häftlinge erinnert. Die christliche Einsegnung nahmen der evangelische und der kahtolische Ortspfarrer vor. Bürgermeister Salminger lud auch drei kritische Geister von außen ein: Otto-Ernst Holthaus aus Grünwald, Mitglied des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie", Ernst Grube, Überlebender des KZ Theresienstadt, und Friedrich Schreiber. Er bat sie, ihre Meinung zu der Einweihung zu äußern. Ein Streicher-Ensemble von Studenten der Mittenwalder Geigenbauer-Schule verlieh der Einweihungsfeier eine musische Atmosphäre.