Quellenanalyse Evakuierungen von KZ Dachau, Außenlager Kaufering, Mühldorf, Allach, München-Ost

Die Literatur über die Todesmärsche und Todeszüge des Gesamtkomplexes des KZ Dachau (Hauptlager und Außenlager) stützt sich auf zwei Arten von Quellen: auf Dokumente offizieller Institutionen und auf Aussagen von verschiedenen Gruppen von Zeitzeugen.

1. Offizielle Hauptquellen

Grundlage aller historischen Untersuchungen und aktuellen Darstellungen über die "Evakuierung des KZ Dachau und der Kommandos Kaufering, Türkheim und Mühldorf" sind zwei Dokumente US-amerikanischer und niederländischer Institutionen offiziellen Charakters:

  1. US-Document Intelligence Section, Record Branch, vom 2. März 1950. (Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau, Archiv-Nr. 737)
  2. Netherlands Tracing Commission, Evacuation of the C.C. Dachau and of the Kdo,s Kaufering, Tuerkheim and Muehldorf, Routes and victims of the convoys which left Dachau and its Kdo,s between 23./28.4.1945, 28.4.1950. (Archiv der KZGS Dachau AN 15.806)

Das niederländische NTC-Dokument vom April 1950 basiert offensichtlich auf dem US-Dokument vom März 1950. Dessen Angaben über Orte, Zahlen und Zeiten präsentiert die NTC jedoch in viel ausführlicherer und detaillierterer Weise. Die Sekundärliteratur stützt sich deshalb fast ausschließlich auf das NTC-Dokument. Deshalb meinen wir im Folgenden das niederländische NTC-Dokument vom 28.4.1950, wenn wir von "der Hauptquelle" sprechen.

Die unvermeidlichen Informationslücken der beiden Hauptquellen aus dem Jahre 1950 – fünf Jahre nach den historischen Ereignissen – werden bei Kenntnisnahme der zweiten Kategorie von Quellen, den authentischen Aussagen und Berichten von Zeitzeugen, offenbar, vor allem wenn diese kurz nach dem Geschehen aufgezeichnet und dokumentiert wurden.

Die Inhalte und Lücken der Hauptquelle werden wir nach den folgenden Hinweisen auf die Zeitzeugen-Quellen im 3. Abschnitt eingehender analysieren.

2. Aussagen von Zeitzeugen

Zur Korrektur vieler Lücken und Fehler, die die Hauptquellen aufweisen, sind vor allem authentische und zeitnahe Aussagen von vier Gruppen von Zeitzeugen hilfreich: 1. Angehörigen der SS und der Wehrmacht, 2. KZ-Häftlingen, 3. Einheimischen, 4. Ortspfarrern.

a. Aussagen von Angehörigen der SS und der Wehrmacht

Die Aussagen des SS-Personals des KZ Dachau und seiner Außenlager könnten die beste Informationsquelle sein, weil Kommandanten und Schreibstubenpersonal (Kommandantur, Abtl. III) tagtäglich und akribisch genau Buch führten über "Lagerstand und Zu- und Abgänge", so z.B. der "erste Schutzhaftlagerführer", der am 27.4.1945 die genauen Zahlen über die drei "Marschsäulen" auflistete, die am Abend des 26.4.1945 aus dem KZ Dachau in Richtung Alpen abmarschierten.

Auch die Führer der SS-Wachtrupps der "Evakuierungsmärsche" kämen als potentiell aussagekräftige Zeitzeugen infrage. Die wichtigsten derartigen Aussagen wurden im sogenannten "Dachau-Prozess" dokumentiert, der von der US-Armee im November 1945 gegen SS-Angehörige des KZ-Komplexes Dachau durchgeführt wurde. Diese wichtigen Quellen haben aus zwei Gründen Informationsdefizite:

  • Die meisten SS-Offiziere und SS-Mannschaftsgrade versuchten, ihre Rolle, ihre Verantwortung und ihre Taten durch verharmlosende oder falsche Aussagen herunterzuspielen.
  • Verantwortliche SS-Offiziere, die das Militärgericht zum Tode verurteilte, wurden im Jahre 1946 hingerichtet, so dass spätere Hinterfragungen der Hauptverantwortlichen auf der Grundlage neuerer Informationsstände nicht stattfanden.

b. Aussagen von KZ-Häftlingen

Eine verhältnismäßig geringe Zahl der über 20.000 Häftlinge, die die Todesmärsche und Todeszüge des KZ-Komplexes Dachau überlebten, hat im Rahmen von juristischen Befragungen oder aus eigenem Antrieb über dieses letzte Kapitel ihres Häftlingsdaseins berichtet. Ihre Beobachtungen und ihr Wissen litten unter drei einschränkenden Bedingungen:

  • Die meisten KZ-Häftlinge kamen aus Osteuropa und besaßen weder genügend Orts- noch Sprachkenntnisse.
  • Fast alle waren durch die vorhergehende Haft, die kräftezehrende Fronarbeit, durch Durst, Hunger und Krankheiten so geschwächt und von der Brutalität der SS-Wächter eingeschüchtert, dass sie ihre örtliche Umgebung, die Namen von ihnen völlig unbekannten Orten und den Umfang der weit auseinandergezogenen Marschkolonnen nicht einigermaßen wirklichkeitsnah wahrnehmen konnten.
  • Oft mussten die Häftlinge nachts marschieren, wodurch örtliche Umgebung und Umfang der Marschkolonnen noch unübersichtlicher waren.

Aus diesen Gründen kann es nicht überraschen, dass sogenannte "reichsdeutsche" Häftlinge aus dem KZ Dachau in faktischer, geographischer und zeitlicher Hinsicht die genauesten und ausführlichsten Berichte verfassten und nicht etwa litauische, russische oder ungarische Häftlinge aus den KZs von Landsberg/Kaufering und Mühldorf. Litauische Häftlinge in Kauferinger Lgern wie Solly Ganor oder Zwi Katz, aus dem KZ Auschwitz kommende Häftlinge wie . Max Mannheimer können sich nur sporadisch und ungenau an Orte wie Fürstenfeldbruck, Wolfratshausen und Königsdorf oder Poing und Beuerberg erinnern – besonders genau selbstverständlich an Waakirchen oder Tutzing, die Orte ihrer Befreiung.

c. Aussagen von Einheimischen

Von den Bewohnern der Orte, durch die die Todesmärsche oder die Todeszüge führten, liegen nur relativ wenige zeitnahe Tatsachenberichte vor, die außerdem meist nur sehr knappe und zusammenhangslose Eindrücke wiedergeben. Auch das hatte objektive und zeitbedingte Gründe.

  • Große Teile der deutschen Zivilbevölkerung, die durch die Nazi-Propaganda gegen die "Verbrecher" aufgehetzt war, schauten weg.
  • Die SS-Wächter bedrohten Ortsbewohner, die nach den Häftlingen Ausschau hielten oder ihnen sogar Wasser und Nahrung geben wollten.
  • Durch den militärischen Druck der letzten Kriegsphase, nach Kriegsende durch den Kampf ums materielle Überleben und durch das politische Vakuum in der amorphen Nachkriegsgesellschaft wagten sich nur wenige aus der moralischen Lethargie.

Eine Ausnahme aus dieser Beschränktheit örtlicher Wahrnehmung der Todesmärsche von Dachau bilden die sogenannten "Pfarrerberichte", die wir unter dem Kapitel "Quellen" getrennt dargestellt und ausgewertet haben.

d. Berichte von Ortspfarrern

Schon vier Wochen nach Kriegsende hatte Kardinal Michael Faulhaber alle 670 Pfarreien und Seelsorgestellen des Erzbistums München-Freising aufgefordert, über ihre Beobachtungen und Erfahrungen bei Kriegsende in ihren Orten schriftlich zu berichten. Immerhin 562 Pfarreien berichteten mehr oder weniger ausführlich über das militärische und politische Geschehen in ihrem Sprengel im April und Mai 1945. Doch nur ziemlich wenige örtlich Betroffene berichteten über die Häftlinge der Todesmärsche und Todeszüge. Einige lieferten jedoch in für unsere Untersuchungen wichtigen Fällen sehr authentische und wertvolle Informationen. Etliche halfen, bisherige Kenntnisse zu korrigieren und Lücken in der vorhandenen Literatur zu schließen. Genannt seien hier Orte bzw. Plätze wie das zweite Nachtlager bei Achmühle und Bolzwang, Beuerberg, Waakirchen und das Tegernseer Tal.

3. Informationslücken in den Hauptquellen

Vor allem in der Hauptquelle, aber auch in vielen Berichten von Zeitzeugen fehlen noch viele und wichtige Informationen über folgende thematische Teilbereiche der Todesmärsche und Todeszüge von Dachau.

  • Geographischer Verlauf, Zeiten und Zielorte des "Todesmarsches von Dachau" vom 26.4.1945.
  • Der Marsch nach Süden von 1000 bis 2000 Häftlingen aus dem KZ Allach drei Stunden vor dem Dachauer Marsch.
  • Zum Lagerkomplex "Kommando Kaufering": Zeitpunkt und Form der Evakuierung der elf bzw. wahrscheinlich nur noch sieben Lager von Landsberg/Kaufering – Zahlen und Ziele der Kauferinger Märsche und Zahlen der betroffenen Häftlinge - Verladung von Kauferinger Marschkolonnen in Emmering auf Bahntransporte? - Weitermarsch der Kauferinger Häftlinge von Dachau nach Süden im Rahmen des "Todesmarsches von Dachau" vom 26.4.1945 oder in einem getrennten, dritten Marsch am nächsten Tag? - unbekanntes Schicksal von rund 4000 der insgesamt über 10000 Kauferinger Häftlinge.
  • Drei Märsche aus dem Münchner Osten mit 2500 Häftlingen, deren Spuren sich am 30.4.45 vor Bad Tölz, zwei Tage vor dem US-Einmarsch, verlieren.
  • Die angeblichen Irrwege des "Todesmarsches von Dachau" über Waakirchen hinaus bis in den Süden des Tegernseer Tals.
  • Woher kamen und welche Nationalität hatten die über 11.000 "Dachauer Häftlinge", die Ende April 1945 in Emmering bei Fürstenfeldbruck auf vier oder fünf Bahntransporte verladen wurden?

Um den Lesern dieser Quellenanalyse einer komplexen Wirklichkeit einen optischen und faktischen Überblick über "Routen und Opfer" der "Evakuierung des KZ Dachau und der Kommandos Außenlager Kaufering, Türkheim und Mühldorf" zu vermitteln, präsentieren wir noch einmal die wichtigsten Angaben über Zahlen, Zeiten und Orte in der Hauptquelle.

Wir gehen auf die einzelnen Informationslücken in den genannten Quellen im überschaubaren Zusammenhang der konkreten Etappen der einzelnen Todesmärsche und Todeszüge ein.