Transporte Dachau - Informationen über Bahntransporte aus dem KZ-Lager Dachau

Zu Beginn dieser Information über "Dachauer Bahntransporte" müssen zunächst zwei Vorfragen behandelt werden, die diesen Begriff hinterfragen - nicht aus terminologischer Wortklauberei, sondern zur Klärung der Wirklichkeit von Häftlingstransporten, die alle über Emmering liefen und im Dreieck der Häftlingstransporte zwischen Kaufering, Dachau und dem Süden Münchens die Frage nach dem Woher und dem Wohin meist offen ließen.

  • Dachauer Verladebahnhof Emmering
  • Im April 1945 kamen noch Häftlingstransporte aus dem Norden und sogar noch aus dem Westen auf dem Gleisanschluss des KZ Dachau an. Bei diesen Zügen handelte es sich um Evakuierungstransporte von Häftlingen aus den Haupt- und Außenlagern der KZ-Komplexe Buchenwald, Flossenbürg und Nattsweiler. Aber in den letzten Kriegstagen rückte die Front sehr schnell nach Oberbayern vor und damit erreichten die Tieffliegerangriffe eine solche Intensität, dass sogar die kurze Bahnstrecke von Dachau nach München blockiert war. Deshalb benützte die Dachauer Lagerverwaltung in den letzten Apriltagen den Bahnhof Emmering als Verladebahnhof von Häftlingstransporten von und nach Dachau. Emmering liegt östlich von Fürstenfeldbruck an der Bahnstrecke von Kaufering nach München und auch an der Landstraße von Landsberg nach Dachau. "Dachauer Züge" waren also Bahntransporte aus Emmering. Wenn es sich bei diesen Transporten tatsächlich um Häftlinge aus dem KZ Dachau handelte - egal ob länger dort Inhaftierte oder Neuangekommene -, mussten diese erst über die Landstraße am Fluss Amper entlang nach Emmering marschieren. Kamen alle Häftlinge der "Dachauer Züge" aus dem KZ-Dachau?
  • Kauferinger Häftlinge in Emmering verladen?
  • Als die rund 10 000 Häftlinge aus dem Lagerkomplex Landsberg/Kaufering in Richtung Dachau/Allach evakuiert wurden, waren die KZ-Lager Dachau und Allach durch evakuierte Häftlinge aus nördlichen Regionen schon völlig überfüllt. Angesichts dieser Situation ist es möglich, wenn sogar wahrscheinlich, dass die SS-Führung nicht nur nach Dachau evakuierte Häftlinge aus dem Norden, sondern auch Häftlinge aus dem Westen, d.h. aus dem Komplex Landsberg/Kaufering anmarschierende Häftlinge im Verladebahnhof Emmering in Richtung Süden umdirigierte. Emmering lag - wie schon gesagt - an der Straße von Landsberg nach Dachau. Diese Überlegung soll keineswegs in Frage stellen, dass Häftlinge aus Landsberg/Kaufering nach Dachau und Allach marschierten und von dort in Richtung Wolfratshausen und Bad Tölz weitermarschieren mussten oder in den beiden Lagern bis zur Befreiung blieben. Die letzten beiden Varianten wurden durch ernstzunehmende Zeitzeugen unter Angabe sehr präziser Einzelheiten bestätigt. Trotz dieser partiellen Beweise sollten wir die Möglichkeit nicht ausschließen, dass ein Teil der über 11 000 Häftlinge, die in Emmering auf "Dachauer Züge" verladen wurden, aus den Lagern Landsberg/Kaufering kam - zu Fuß oder per Bahn, denn beide Wege führten über Emmering.

Die fünf "Dachauer Züge

  1. Emmering - Mittenwald
  2. Am 23. April 1945, also auf jeden Fall noch vor der Ankunft von Häftlingen aus Landsberg/Kaufering, wurden 2000 Häftlinge aus Dachau in Emmering auf einen Zug in Richtung Alpen verladen. Da die Garmischer Hauptstrecke über Starnberg schon zerstört war, fuhr dieser Bahntransport über die Isartalbahn-Strecke durch das Loisachtal bis Bichl, von dort zurück nach Norden bis Bernried oder Tutzing am Starnberger See, dann wieder nach Süden über die noch intakte Bahnstrecke nach Garmisch und weiter in Richtung Innsbruck. Am 28. April erreichte dieser Zug Seefeld in Tirol. Die Fahrt durfte nicht weiter in Richtung Inntal fortgesetzt werden. Die Häftlinge mussten zurück nach Norden marschieren, bis Mittenwald. Am 4. Mai wurden dort 1 900 Häftlinge von US-Truppen befreit. Viele überlebten nicht die fünftägigen Strapazen. In Seefeld wurden 63 Leichen, in Mittenwald 107 Leichen gezählt. Bahntransporte waren auch Todeszüge.

  3. Emmering - Seeshaupt
  4. Ein zweiter Dachauer Bahntransport, der auch in Emmering verladen wurde, fuhr am 25. April 1945 mit 3 000 Häftlingen ebenfalls über die Isartal-Strecke in Richtung Süden. Am Bahnhof Beuerberg, wo der Zug zur Verpflegung hielt, wurde dieser von amerikanischen Tieffliegern beschossen. Da die Lokomotive beschädigt war, wurde dieser Dachauer Zug mit einem Teilzug des Mühldorfer Transports (siehe unten) zusammengekoppelt. Der Doppelzug fuhr von Beuerberg aus einen chaotischen Weg erst über Bichl nach Kochel am Rande der Alpen, dann wieder über Bichl zurück nach Norden bis Seeshaupt, wo sich der Lokomotivführer am 30. April von dem Zug abkoppelte, um nicht weiter Opfer von Tieffliegerangriffen zu sein. Die überlebenden Häftlinge wurden noch am selben Tag in Seeshaupt von US-Truppen befreit.

    Die Zahl der Verstorbenen während der Fahrt der beiden Teilzüge und insbesondere durch den Tiefflieger-Beschuß bei Mühldorf, Poing und Beuerberg kann nicht genau rekonstruiert werden. Da die meisten Toten in Beuerberg - wie Augenzeugen berichten - auf einen Güterwaggon geworfen wurden. Die 18 Toten eines Grabes in Beuerberg können nicht zwingend diesem Bahntransport zugeordnet werden, da es sich auch um Verstorbene der 5 000 Häftlinge des "Todesmarsches von Dachau" handeln könnte, die bis Beuerberg kamen und dort am 30. April befreit wurden. Ausschlaggebend ist, dass mehrere Zeitzeugen berichteten, dass der Zug nach dem Luftangriff mit den Leichen nach Seeshaupt weiterfuhr. Die 92 Leichen, die in Seeshaupt begraben wurden, können diesem Doppeltransport mit Dachauer und Mühldorfer Häftlingen zugeordnet werden.

  5. Emmering - Iffeldorf/Staltach
  6. Ein dritter Dachauer Bahntransport fuhr am 26. April 1945 mit 2600 Häftlingen von Emmering über die Isartalbahn-Strecke in Richtung Alpen. Von Bichl fuhr er ebenfalls wieder zurück nach Norden - in Richtung Westufer des Starnberger Sees - in Richtung Front! Eine irrwitzige Fahrt! Der Zug konnte am 30. April nur noch bis Staltach bei Seeshaupt fahren, wo die Häftlinge am selben Tag befreit wurden. Es gibt keine Detailinformation über die Herkunft der Häftlinge und keine genauen Zahlen über die Zahl der Toten. In Iffeldorf wurden 17 Leichen gezählt, in dem benachbarten Ort Penzberg 5.

  7. Emmering - Wolfratshausen
  8. Ein vierter Dachauer Bahntransport fuhr am 27. April 1945 mit 2000 Häftlingen von Emmering über die Isartalbahn-Strecke bis Wolfratshausen. Die Häftlinge mußten sich dort dem Fußmarsch der 7 000 Häftlinge anschließen, die am Abend des 26. April das KZ Dachau verlassen hatten und nach zwei Nachtmärschen durch das Würmtal und von Starnberg bis zum Loisachtal das zweite Etappenlager bei Achmühle/Bolzwang erreicht hatten. In diesem vierten Dachauer Bahntransport befanden sich nach Aussagen von betroffenen Zeitzeugen auch Häftlinge aus Landsberg/Kaufering. Diese Auskünfte und das Datum sprechen für die Wahrscheinlichkeit, dass sie - wie oben von uns vermutet - vom Westen kommend nicht nach Dachau weitermarschierten, sondern in Emmering auf die Bahn verladen wurden.

  9. Ein fünfter Zug aus Dachau?
  10. In einer Niederschrift der Dachauer SS-Schreibstube vermerkt der "Schutzhaftlagerführer" am 27. April 1945, dass am 26. April neben den 6887 Häftlingen der "Marschsäulen" auch 1759 jüdische Häftlinge mit einem Bahntransport das KZ Dachau verlassen hätten. Da der vierte und der fünfte "Dachauer Zug" fast zur selben Zeit von Emmering nach Süden "auf Transport" gewesen sein soll, könnte es sich um ein und dieselbe Häftlingsgruppe handeln. Nach einer Quelle soll es sich bei dem "Bahntransport (Juden) 1759" um einen Zug mit Häftlingen aus den KZ-Lagern Buchenwald und Flossenbürg gehandelt haben. Tatsächlich ist am 26.4. ein Häftlingszug aus Buchenwald und Flossenbürg - nach einer Irrfahrt durch die Tschechei und Niederbayern - im KZ Dachau angekommen, wurde jedoch grausamerweise erst nach der Befreiung am 29.4. "entladen" - die Lebenden und die Toten (siehe "Todesmarsch von Dachau" > Informationen).