KZ-Komplex "Außenkommando Kaufering" Evakuierungen: 5 oder 6 Märsche, 1 Bahntransport

Der gängige Begriff "Todesmarsch von Dachau", soweit er ein singuläres Ereignis bedeuten soll, entspricht nicht ganz den historischen Ereignissen. Zum einen fanden neben dem gut dokumentierten "Todesmarsch von Dachau", der am 26.4.1945 gegen 21.00 Uhr das KZ Dachau in Richtung Alpen verließ, vorher und nachher auf derselben Strecke zwei weitere Häftlingszüge statt: vorweg aus dem KZ Allach und danach aus den Lagern des KZ-Kaufering, die über das KZ Dachau ebenfalls in Richtung Süden führten. Zum anderen gab es neben diesen drei Häftlingsmärschen aus den KZs Allach, Dachau und Kaufering weitere Evakuierungsmärsche oder Bahntransporte aus dem KZ Dachau oder seinen Außenlagern, die teilweise mit den ersten Drei verschmolzen oder sogar mit ihnen verwechselt wurden: der Bahntransport aus dem KZ-Komplex Mühldorf und die Häftlingsmärsche aus drei Lagern im Osten Münchens. Durch diese Vielzahl von Märschen und Bahntransporten werden die inhaltlichen Unklarheiten, die durch eine teilweise sehr lückenhafte Informationslage ohnehin hinzunehmen sind, noch vergrößert.

23.4.1945: Wieviele Häftlinge in den zuletzt sieben Kauferinger Lagern?

Etwa 12.000 meist jüdische Häftlinge des KZ-Komplexes "Kommandos Kaufering" wurden am 24. und 25. April 1945 zu Fuß und per Bahn aus den restlichen sieben von ursprünglich elf Lagern evakuiert. Eine solche lapidare Feststellung fehlt in den offiziellen Quellen und der wissenschaftlichen Literatur.

Ein offensichtlich letzter Gesamtüberblick der SS-Führung des KZ Dachau vom 26. April 1945 über die Zahl der Häftlinge im Hauptlager und in allen Außenlagern registriert insgesamt 67 655 Häftlinge, 30 442 davon im KZ Dachau und auf "Transport", 37 223 in den 150 Außenlagern (KZGS Dachau, Archiv-Nr. 1.667). Wieviele davon entfielen auf das Außenlager "Kommando Kaufering"? Im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau sind zwei Endzahlen zu finden: 10.000 und 12.000. Unsere Recherchen und Analysen führten zu folgenden Ergebnissen:

Die Organisation Todt (OT), die für die gesamte Bauorganisation des Projekts "Ringeltaube" verantwortlich war, gibt in ihrer letzten Aufstellung über die Zahl der Häftlinge in den "Dachau Außenkommandos" vom 14.4.1945 für das Außenkommando Kaufering insgesamt 11.934 Häftlinge an. Dabei sind auch die Zahlen für die einzelnen sieben Lager (1, 3, 4, 5, 6, 7, 11) aufgelistet (KZGS Dachau, Archiv-Nr. 11.619).

Die Lager-Schreibstube des KZ Dachau nennt in ihrer letzten Bestandsmeldung vom 26.4.1945 über die Häftlingszahlen aller "Außenkommandos" für Kaufering pauschal 10.114 Häftlinge (KZGS Dachau Archiv-Nr. 32.789). Wann und wie ist diese Zahl vom 26.4.45 und die entsprechende Differenz von 1.820 Häftlingen zustande gekommen? An welchem Tag fanden in den sieben Lagern die entsprechenden Zählungen statt? Wann wurden die jeweiligen Zahlen an die Dachauer Schreibstube weitergegeben? Wann kamen sie dort an? Die Antworten auf diese Fragen sind deshalb rein zeitlich sehr wichtig, weil die Gesamtzahl vom 26.4.1945 zwar authentisch sein mag, für unsere Untersuchung der Evakuierung der Kauferinger Lager zahlenmäßig jedoch nicht aussagkräftig sein könnte, weil der Abmarsch und Abtransport aus den Lagern in Kaufering und Landsberg, Hurlach, Türkheim und Utting schon am 24./25.1945 begonnen hatte, die Differenz zwischen den Zahlen vom 14.4. und vom 26.4. folglich durch die Evakuierung erklärbar ist.

17.4.1945: Später Zuzug aus Schwaben

Die OT-Angabe von rund 12.000 Häftlingen am 14.4.1945 wäre die letzte authentische und wirklichkeitsnahe Gesamtzahl für den KZ-Komplex Kaufering, wenn nicht am 17. April, also drei Tage nach Erstellung der OT-Liste, durch das Herannahen der US-Truppen "knapp 2000 Häftlinge" aus dem württembergischen KZ Leonberg in das Kommando Kaufering verlegt worden wären (vgl E. Raim 1991). Das musste die für den 23./24.4.1945, den Beginn der Evakuierung, gültige Geamtzahl auf fast 14.000 Häftlinge erhöht haben. Ohne noch Todeszahlen oder etwaige sonstige Zuzüge zwischen dem 14. und dem 23.4.1945 berücksichtigen zu können, beläuft sich also die realistische Gesamtzahl der Kauferinger Häftlinge, von denen eine Analyse der Teilnehmer der Evakuierungsmärsche und dem Bahntransport als Ausgangsgröße ausgehen muss, auf rund 12.000 Häftlinge ohne und rund 14.000 Häftlinge mit den knapp 2000 Leonberger Häftlingen vom 17.4.1945.

Abmarsch ab 23./24.4.1945

Abmarsch und Abtransport aus den zuletzt nur noch sieben Kauferinger Lagern fanden zwischen dem 23. und dem 27. April 1945 statt. Die Fußmärsche führten von Türkheim, Utting, Kaufering und Landsberg in Richtung München-Pasing, Dachau und Allach, eine unbekannte Zahl von Häftlingen musste - falls sie die Strapazen überlebte - weiter in Richtung Süden bis Geretsried, Beuerberg oder Waakirchen marschieren. Der einzige Bahntransport, der nicht zuletzt durch die Leichen bei Schwabhausen gesichert ist, führte von Hurlach über Kaufering nach Landsberg und von dort nach Emmering bei Fürstenfeldbruck, der wegen Bombenschäden bedingten Verladestation für die KZ-Lager Dachau und Allach.

Wieviele Märsche und Bahntransporte aus Kaufering?

Durch wieviele Märsche und Bahntransporte wurden die Kauferinger Häftlinge evakuiert? Die offiziellen amerikanischen und niederländischen Hauptquellen nennen nur zwei Märsche mit insgesamt 2.700 Häftlingen und keinen Bahntransport. Das kann nicht wahr sein. Aufgrund unserer Recherchen rechnen wir mit fünf oder sechs Märschen (einer aus Kaufering nach Allach, einer oder zwei aus dem Raum Landsberg nach Dachau und einer nach Allach, je einer aus Türkheim und Utting nach Dachau bzw. München-Pasing) und einen Bahntransport nach Dachau bzw. Emmering (siehe Kapitel "Quellen>Quellenanalyse>Kaufering/ Landsberg").

Aus dem Dachauer Außenlager Kaufering kam also der größte Teil von Häftlingen des gesamten KZ-Lagerkomplexes Dachau, inklusive Dachau und Mühldorf, die Ende April 1945 durch das südliche Oberbayern auf Todesmärsche geschickt oder per Bahn abtransportiert wurden. Und über das "Kommando Kaufering" sind die Quellen am schlechtesten und die Informationslücken am größten.

Spärliche Quellen - Lückenhafte Informationen

Über kein Kapitel der Todesmärsche und Todeszüge aus dem KZ-Komplex Dachau ist die Informationslage so unklar, lückenhaft und widersprüchlich wie im Falle der Außenlager von Landsberg/Kaufering. Obwohl die Häftlingszahlen der elf Lager vor deren Räumung gesichert sind, gibt es nach dem derzeitigen Stand der Forschung keine zuverlässigen Zahlen über die Form der Evakuierung der elf Lager (zu Fuß oder per Bahn), über den Zeitpunkt des Abmarschs oder Abtransports, über die jeweiligen Häftlingszahlen, über deren Zwischenziele (Emmering. Dachau, Allach, München-Pasing), deren Endziele (Dachau, Allach, Buchberg, Beuerberg oder Waakirchen). Sogar über die Gesamtzahl der Lager des KZ-Komplexes Kaufering und ihre Nummerierung beklagen angesehene Autoren und wichtige Institutionen Lücken und Unklarheiten.

Die Landsbergerin Edith Raim, die im Jahre 1991 in ihrem Buch "Die Dachauer KZ-Außenkommandos Kaufering und Mühldorf" die sorgfältigste und umfassendste Recherche über den Bunker- und Lagerkomplex Kaufering/Landsberg vorgelegt hat, konnte zwar mit Hilfe von Luftaufnahmen der US-Streitkräfte die Existenz und die Platzierung der elf Lager bestmöglich aufklären. Doch über die Evakuierung der Lager konnte sie aus offiziellen Quellen nur den Marsch von 1 200 Häftlingen aus dem Lager 6 von Türkheim nach München-Pasing und einen Marsch von 1 500 Häftlingen aus Lager 1 von Landsberg in Richtung Dachau zitieren. Aber selbst diese Zahlen sind umstritten. Am gesichertsten ist noch die Räumung von Lager 4 (Hurlach), dem Krankenlager des Lagerkomplexes, mit einem Abmarsch von 300 Häftlingen und einem Bahntransport von 2400 Häftlingen. Für Erstere fehlt die Zielangabe, für Letztere - genauer: für die Überlebenden des Bahntransports - ist der Dachauer Verladebahnhof Emmering als Zwischenstation sicher. Offen sind die Zahl der Toten und die Zahl der Flüchtlinge nach dem Tieffliegerangriff bei Schwabhausen. Einen makaberen Hinweis gibt die Zugangsmeldung der Lagerführung vom 29. April 1945, die für den Vortag die Ankunft von 1769 "Kauferingern" meldet. Es dürfte sich um die Überlebenden und noch Marschfähigen (von Emmering nach Dachau!) des Bahntransports handeln.

Der junge Geretsrieder Amateurforscher Andreas Wagner, der sich seit 1992 mit diesem dunklen Kapitel seiner engeren Heimat befasst, hat im Bewusstsein der Dürftigkeit der Hinweise in öffentlichen Quellen die Äußerungen einzelner Zeitzeugen (Häftlinge und SS-Angehörige), vor allem Zeugenaussagen im Rahmen des "Dachau-Prozesses", in seine Untersuchungen und seine akribisch belegte Schrift "TODESMARSCH, Die Räumung und Teilräumung der Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945" einbezogen. Damit kann er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit folgern, dass die Häftlinge von fast allen Lagern zu Fuß evakuiert wurden. Auch die Zahlenangaben dieser Quellen füllen viele Lücken oder geben zumindest Größenordnungen. Die Zielvorstellungen vieler Zeitzeugen sind jedoch oft mit dem verständlichen Makel der chaotischen Unübersichtlichkeit der letzten Kriegstage behaftet.

Unsere Bürgerinitiative hat der "Vereinigung der Überlebenden der Außenlager Landsberg/Kaufering des KZ Dachau" einen Fragebogen geschickt und sie gebeten, uns mit Hilfe ihrer Mitglieder zu helfen, diese dürftige Quellenlage zu verbessern.

Die Schwierigkeit vieler ehemaliger Häftlinge von Kaufering/Landsberg sich an Einzelheiten der Todesmärsche zu erinnern, hatte einen einsehbaren Grund. Sie mussten im "Kalten Krematorium" oft bis zur Besinnungslosigkeit malochen, viele bis in den Tod. Etwa zwei Drittel der nach Kaufering verschleppten Häftlinge fiel dem SS-Motto zum Opfer: "Vernichtung durch Arbeit".

(Siehe auch Quellen/Quellenanalyse.)

Zwangsarbeiter für Hitlers letzte Wunderwaffe

Warum wurden im Raum Kaufering/Landsberg so viele KZ-Lager errichtet und warum konzentrierte sich hier ein so großes Reservoir von (noch) arbeitsfähigen Häftlingen? Hitler befahl Anfang März 1944, nach dem Beginn der Luftoffensive des amerikanischen Bomberkommandos gegen die deutsche Rüstungsindustrie, für eine bombensichere Produktion des Düsenjägers Me 262 oberirdische Bunkergewölbe zu errichten. Im Mai 1944 wählte Speers Rüstungsministerium unter dem Decknamen "Ringeltaube" die bayerischen Standorte Kaufering/Landsberg und Mühldorf/Ampfing aus, weil durch die Gebirgsflüsse Lech und Inn die geologischen Verhältnisse (Kies!) besonders günstig waren. Für die zwei gigantischen Flugzeugfabriken waren vier Betongewölbe mit folgenden Dimensionen geplant: 400 Meter Länge, 83 Meter Breite, 28 Meter Höhe und 5 Meter Dicke. Speers Rüstungsexperten planten im Raum Mühldorf ("Weingut I") den Bau von Flugzeug-motoren und Ausrüstungen; im Raum Kaufering/Landsberg sollte in den drei Fabriken "Weingut II", "Diana II" und "Walnuss II" die gesamte Endfertigung konzentriert werden.

Für diese industrielle Mammutaufgabe fehlten Göring und Speer die notwendigen Massen von Arbeitskräften. Göring forderte deshalb von Himmler die Lieferung von Zehntausenden von jüdischen Arbeitskräften. Die SS holte sie aus den Zwangsarbeitslagern in Litauen, Polen und Ungarn, die ohnehin von den vorrückenden sowjetischen Truppen bedroht wurden. Am 18. Juni kamen die ersten 1000 zwangs-rekrutierten Bunkerbauer nach Kaufering, jüdische Häftlinge aus dem KZ Auschwitz-Birkenau.

Die Bunker-Baustelle nannten die mehrheitlich jüdischen Häftlinge "kaltes Krematorium". Von den rund 30.000 Zwangsarbeitern, die zwischen Juni 1944 und April 1945 nach Kaufering transportiert wurden, fanden nach offiziellen Angaben 14.500 den Tod, was rein rechnerisch bedeutet, dass bei Kriegsende noch über 15000 Häftlinge überlebten. Diese "offiziellen" Quellen sind jedoch offensichtlich falsch. Denn am 14. April 1945 wurden nur noch 12000 Häftlinge in den SS-Listen geführt. Hinzu kommen die etwa 3000 arbeitsunfähigen Häftlinge, die nach Auschwitz-Birkenau zur Vergasung geschickt wurden, und eine unbe-kannte Zahl von Toten der fast 12000 Häftlinge, die durch Todesmärsche und Bahntransporte "evakuiert" wurden.

Die laut Todt-Liste am 14.4.1945 noch lebenden knapp 12.000 Häftlinge, die bei der Räumung der noch bestehenden sieben sieben Kauferinger Lager zwischen dem 24. und 27. April 1945 in Richtung Dachau "evakuiert" wurden, durchlitten ein letztes Martyrium durch die kräfteraubenden Fußmärsche und die von Tieffliegern bedrohten Bahntransporte. Viele Häftlinge, die ermattet liegenblieben, wurden von den grausamen SS-Wächtern erschossen. Die Zahl dieser letzten Todesopfer kurz vor Ankunft der Befreier kann aufgrund der äußerst schlechten Quellenlage nicht rekonstruiert werden.

Die Topografie der Außenlager Kaufering/Landsberg

Wir versuchen, aus den Angaben der uns vorliegenden Quellen die für uns wahrscheinlichsten "Informationen" zusammenzustellen. Eine Vorbemerkung zur "offiziellen" Nomenklatur. Im SS-Jargon der Schreibstube des KZ-Lagers Dachau und später auch in den Akten der alliierten Untersuchungsinstanzen hieß der gesamte Lagerkmplex des "Kommandos Kaufering", unabhängig von der jeweiligen geografischen Lage der elf Lager. Das ursprüngliche Lager I lag tatsächlich am Rande von Kaufering, im Gleisdreieck der Bahnlinien Kaufering-München und Kaufering-Landsberg. Später tauschte es mit dem in Landsberg gelegenen Lager 3, das zur Zentrale des gesamten Lagerkomplexes wurde, die Nummerierung. Nur bei einigen Lagern außerhalb des Dorfes Kaufering oder der Stadt Landsberg wurde auch der Ortsname genannt (z.B. Hurlach bei Kaufering oder Erpfting bei Landsberg).

In fast allen Quellen werden für die Nummerierung römische Zahlen verwendet. Wir benützen wegen der besseren Lesbarkeit - auch in den Karten - arabische Zahlen.

Kaufering Lager 1

Am nordwestlichen Rand der damaligen Stadt Landsberg gelegen, nördlich der Landstraße nach Igling, auch nahe der Landstraße Buchloe-München, die über die Landsberger Lechbrücke führte. Deshalb für Fuß-märsche aus anderen Lagern (Lager 6, 7 und 11) in Richtung Dachau, Allach (über Emmering) und München von zentraler Bedeutung. Es ist also davon auszugehen, dass die Evakuierung der Lager 6, 7 und 11 (2 und 8 waren schon aufgelöst) nicht nur bürokratisch, sondern auch organisatorisch über Lager 1 abgewickelt wurde. Heutige Lage im Industriegebiet zwischen Iglingerstraße, Lechwiesenstraße und Auto-bahn A 96.

Im Juni oder Juli 1944 als Lager 3 errichtet, von der Schreibstube des KZ Dachau jedoch bald als Lager 1 des "Kommandos Kaufering" geführt. Sehr nahe der Bunkerbaustelle "Diana II" gelegen, nicht weit entfernt - entlang der Iglingerstraße - von der Hauptbaustelle "Weingut II". In der Aufstellung der Todt-Organisation vom 14. April 1945 2770 Häftlinge.

Laut US-Document und dem niederländischen Dokument "Evacuation of C.C. Dachau …" zwei Evakuierungsmärsche: 1. Am 23. April Fußmarsch von 1200 Häftlingen von Türkheim (Kaufering 6) über Landsberg (Kaufering 1) nach München-Pasing und dort mit dem "Dachauer Marsch" weiter in Richtung Alpen. 2. Am 24. April 1500 Häftlinge von "Kaufering" (ohne Angabe der Lager-Nummer) nach Emmering und dort Verladung auf Bahntransport in Richtung Süden. Der ehemalige Häftling Uri Chanoch vom Lager 1 berichtet über seine Evakuierung per Bahn. Es handelt sich um die rund 1000 Häftlinge von Lager 1, die am 26.4.1945 zusammen mit 2400 Häftlingen aus Lager 4 in Richtung Dachau/Emmering transportiert wurden. Laut Zeugenaussagen (Zwi Katz, Abba Naor) Evakuierungsmarsch von Häftlingen aus Lager 1, wahrscheinlich am 25. April, über Fürstenfeldbruck nach Dachau. Dort Ankunft am Abend (26.4.?). Am Morgen (27.4.?) Verproviantierung und Weitermarsch einer unbekannten Zahl marschfähiger Häftlinge in Richtung Alpen. Die genannten ehemaligen Häftlinge aus Lager 1 erinnern sich an Fürstenfeldbruck, Wolfratshausen, Königsdorf, Bad Tölz, an das "Wäldchen" zwischen den Dörfern Reichersbeuern und Waakirchen und an die Befreiung in Waakirchen durch amerikanische Truppen. Da der von den Hauptquellen genannte Marsch von "1500 Häftlingen aus Kaufering" nach den Angaben in Emmering endete und die Häftlinge per Bahn nach Süden weitertransportiert wurden, können die beiden Märsche bei Richtigkeit aller Angaben nicht identisch sein.

Auf der Informationsgrundlage der offiziellen Quellen fehlen von den insgesamt 12.000 Kauferinger Häftlingen nach dem Stand vom 14.4.1945 Informationen über das Schicksal von fast 5000 Häftlingen. Wir liefern mehr Informationen im Kapitel "Quellenanalyse".

Kaufering Lager 2

Westlich von Landsberg, nahe dem Ort Stoffersberg und nahe der Bunker-Baustelle "Diana II" gelegen. Etwa 450 Häftlinge. Über die Evakuierung von Lager 2 ist die Quellenlage sehr widersprüchlich. Andreas Wagner weist darauf hin, dass SS-Führer Moll im "Dachau-Prozess" ausgesagt hätte, er habe am 25. oder 26. April persönlich die Häftlinge des Lagers 2 nach Dachau geführt. In ihrer "Aufgliederung der Zu- und Abgänge" vom 27. April registriert die Lagerleitung des KZ Dachau zwar den Zugang von 539 Häftlingen vom "Akdo.Kaufering". Es handelt sich dabei jedoch wahrscheinlich um die Häftlinge des in Utting gelegenen Lagers 5, dessen Evakuierungsmarsch nach Dachau der ehemalige Uttinger Häftling Solly Ganor bestätigt.

Zwei sehr sichere Quellen bekunden jedoch, dass Lager 2 im April schon geräumt war. In der Liste der Häftlingszahlen der Organisation Todt "Dachau Außenkommandos" vom 14.4.1945 sind nur die Kauferinger Lager 1, 3, 4. 5, 6, 7 und 11 aufgeführt, nicht jedoch das Lager Kaufering 2. Karl Rom, ehemaliger Häftling von Lager 11, berichtete uns, dass Lager 2 mehrere Wochen zuvor geräumt und seine Häftlinge in das nahe gelegene Lager 11 verlegt worden seien. Er beruft sich dabei auf Informationen von persönlichen Bekannten aus Kaunas, die zusammen mit allen Häftlingen von Lager 2 nach Lager 11 verlegt wurden (darunter ein Kapo von Lager 2 und danach von Lager 11). Diese frühzeitige Räumung möglicherweise schon im März 1945 hätte einen plausiblen Grund: Die in unmittelbarer Nähe von Lager 2 gelegene Bunker-Baustelle Diana II war im März 1945 stillgelegt worden. Diese Widersprüche behandeln wir ausführlicher unter "Quellen-analyse".

Kaufering Lager 3

Südöstlich von Kaufering, im Gleisdreieck der Bahnlinien Kaufering-München und Kaufering-Landsberg gelegen, nur einen Kilometer etwa vom Bahnhof Kaufering entfernt. Deshalb wurde es zunächst Lager 1 des Dachauer "Außenkommandos Kaufering". Der erste Häftlingstransport des "Kommandos Kaufering", der am 18. Juni 1944 aus dem KZ Auschwitz-Birkenau ankam, wurde dort untergebracht: genau 1000 Häftlinge, arbeitsfähige Juden aus Ungarn, viele aus Siebenbürgen. Nicht weit von der Bunker-Baustelle "Weingut II" entfernt. Nach einigen Wochen, als die Zentrale von SS und Organisation nach Landsberg umzog, in Lager 3 umbenannt.

Über das Lager 3 und seine Häftlinge (Ankunftstag, Herkunft, Häftlingsnummer, weiteres Schicksal wie anderes Lager, Tod oder Überleben, Name, Vorname, Geburtsdatum, Beruf) wissen wir weitaus am meisten von allen 11 Kauferinger Lagern, weil das Lagerbuch nicht kurz vor der Ankunft der US-Truppen von der SS verbrannt wurde wie bei den anderen Lagern, sondern von einem Häftling versteckt, gerettet und der Nachwelt übergeben wurde. Aus Spalte 2 dieses Lagerbuchs ("Abgang") erfahren wir auch, dass bis zum 25. Oktober 1944 kranke Häftlinge in zwei Transporten nach Auschwitz transportiert wurden, am 1. Juli und am 25. Oktober, darunter die Väter von Uri Chanoch und Chaim Melech. Für Elias Melech war dies innerhalb von vier Monaten eine Fahrt Auschwitz-Kaufering hin und zurück - erst eine Fahrt in die "kalten Krematorien" von Kaufering, dann die finale Fahrt in den Tod in einer der vier Gaskammern von Auschwit - kurz bevor diese stillgelegt wurden.

Laut OT-Liste vom 14.4.1945 1484 Häftlinge. Am 23. oder 24.4.45 Evakuierungsmarsch über Fürsten-feldbruck zum KZ Allach. Dies wird von dem ehemaligen Häftling Peter Gandrosch bezeugt, der an dem Marsch teilnahm, bei Fürstenfeldbruck floh und im KLoster Fürstenzell versteckt wurde. Eine weitere Häftlingsgruppe soll anderen Quellen zufolge zum "Sammellager" Kaufering 1 verlegt und von dort aus exakuiert worden sein.

Kaufering Lager 4

Nördlich von Kaufering, zwischen der Bahnlinie Kaufering-Augsburg und der Landstaße Kaufering-Augsburg gelegen, auf halber Strecke zwischen Kaufering und dem Dorf Hurlach, nahe der geplanten Bunker-Baustelle "Walnuss II". Nach deren Stilllegung arbeiteten die Häftlinge in der weiter südlich gelegenen Baustelle "Weingut II". Die Zahlen des Lagers 4 waren Schwankungen unterworfen, vor allem ab Winter 1944/45, nach der Schließung der Gaskammern in Auschwitz, als Hurlach zum "Krankenlager" und letztlich auch zum "Sterbelager" des gesamten Kauferinger KZ-Komplexes umfunktioniert wurde - mit entsprechend hohen Zugangs- und Sterberaten. Der ehemalige Häftling Jehuda Garai hat einen ausführlichen und präzisen Bericht verfasst und publiziert: vom Ghetto im ungarischen Pecs über das KZ Auschwitz-Birkenau, die Ankunft in Kaufering am 25. Oktober 1944, den Marsch ins Lager 4, die Verhältnisse im Lager und über seine Arbeit an der Baustelle "Weingut II".

Die Todt-Liste vom 14. April 1945 gibt 3092 Häftlinge an. Abmarsch am 25. April von 300 gehfähigen Häftlingen in Richtung Dachau, möglicherweise über Lager 1 oder nach Allach - zusammen mit den Häflingen von Lager 3.

Ebenfalls am 25. April mussten alle kranken Häftlinge, die noch gehfähig waren, sich zum Bahngleis schleppen und einen Zug nach Dachau besteigen. Der Bahntransport mit 2400 Häftlingen wurde jedoch kurz nach Hurlach von Tieffliegern beschossen und musste zurückfahren, um die Leichen auszuladen. Dann Fahrt nach Landsberg, um dort weitere 1000 kranke Häftlinge von Lager 1 oder benachbarten Lagern (7, 11) mitzunehmen. Am 26.4. Weiterfahrt mit insgesamt 3400 Häftlingen in Richtung Dachau (Emmering). Am 27.4. bei Schwabhausen wieder von Tieffliegern angegriffen. 136 Tote. Bis zu 500 Häftlinge blieben im Wald versteckt und flüchteten, darunter auch Uri Chanoch und Chaim Melech, Vorsitzender bzw. Mitglied der "Vereinigung der Überlebenden der Außenlager Landsberg/Kaufering des KZ Dachau". Der Internationale Suchdienst ITS in Arolsen rechnet mit bis zu 1000 Toten durch den Beschuss durch Tieflieger und durch die SS auf fliehende Häftlinge. Laut Bestandsbericht der Schreibstube des KZ Dachau vom 29.4. (Tag der Befreiung!) kamen schließlich am 28.4. nur 1769 lebende Häftlinge dieses einzigen Bahntransportes aus dem KZ-Komplex Kaufering in Dachau an.

Nach diesem Exodus wurden die Hütten des Lagers 4 mit den noch lebenden Kranken von der SS verbrannt. Als die US-Truppen eintrafen, fanden sie in den abgebrannten Hütten, auf dem Lagergelände und auf der Wegstrecke zum Bahngleis die Leichen von 268 Häftlingen. (Fotos nach der Befreiung durch die US-Armee).

Kaufering Lager 5

Ein kleines Lager bei Utting am Ammersee. das Fertigbauteile ("Dyckerhoff") für die Bunkerbauten bei Landsberg und Kaufering lieferte. Nach der Aufstellung der Organisation Todt vom 14. April 1945 525 Häftlinge. In Utting existierte ein zweites kleines Zwangsarbeiterlager, das als Lager 10 genannt wird. Lager 5 und 10 werden in vielen Quellen verwechselt. Der Zeitzeuge Solly Ganor schreibt in seinem Buch, er habe am 25. April 1945 am Marsch von 600 Häftlingen des Lagers 10 nach Dachau teilgenommen und hätte von dort nach einer Übernachtung und Verproviantierung im KZ Dachau bis Waakirchen weitermarschieren müssen. Auch hier handelt es sich offensichtlich um eine Verwechslung der beiden Uttinger Lager 5 und 10.

Kaufering Lager 6

Ein kleineres Lager in der Nähe des Dorfes Türkheim, westlich von Kaufering an der Bahnstrecke nach Buchloe gelegen. Ebenfalls für die Produktion von Fertigbauteilen für die Bunkerbauten bei Landsberg und Kaufering. Aus dem Lagerbuch 3 ist jedoch ersichtlich, dass unter dem Datum des 8.3.1945 eine große Zahl von Häftlingen des Lagers 3 in das Lager 6 verlegt wurde, darunter auch der Arzt Viktor Frankl, der in seinem Buch "...trotzdem Ja zum Leben sagen" das Lager 6 als "Schonungslager" und als "Fleckfieberlager" bezeichnet. Da laut Lagerbuch 3 am 8.3.1945 auch eine große Zahl von Häftlingen ins Lager 4 verlegt wurden, das die meisten kranken und schwerkranken Häftlinge des KZ-Komplexes Kaufering aufnehmen musste, ist anzunehmen, dass am 8.3.1945 in Lager 3 eine umfangreiche "Selektion" und die Verlegung der kranken Häftlinge in die "Schonungslager" 4 und 6 stattfand, wahrscheinlich um eine Ansteckung der noch arbeitsfähigen Häftlinge zu verhindern.

Laut Todt-Zählung befanden sich in Lager 6 am 14. April 1945 559 Häftlinge. Das US-Dokument und der niederländische Suchdienst erwähnen für den 23. April 1945 einen Marsch von 1200 Häftlingen von Türkheim über Landsberg nach München-Pasing und dort in der Nacht vom 26. zum 27.4. Verschmelzung mit dem Häftlingszug "Todesmarsch von Dachau". Diese Häftlingszahl ist offensichtlich falsch. Der Unterschied könnte in einer Verstärkung der Türkheimer Marschkolonne durch Häftlinge aus Lagern im Umkreis von Landsberg (1, 7, 11) liegen. Das US-Dokument nennt für diesen Zug nur Landsberg und nicht Türkheim als Ausgangspunkt.

Kaufering Lager 7

Südwestlich von Landsberg, an der Straße nach Erpfting gelegen. Die Todt-Zählung vom 14. April 1945 registriert 1375 Häftlinge. Keine offiziellen Berichte über Evakuierung. Am 25. April 1945 meldet die Dachauer Lagerkommandantur als "Überst.v.Akdo-Kaufering" den Zugang von 1183 Männern und 341 Frauen.

Kaufering Lager 8

Sehr kleines Lager nahe des Dorfes Seestall, lechaufwärts weit südlich von Landsberg, an der Straße und der Bahn nach Schongau gelegen. Seine Existenz und Zugehörigkeit zum KZ-Komplex Kaufering wird von einigen Autoren angezweifelt. Diese Annahme wird durch Eintragungen im Lagerbuch 3 widerlegt, die zahlreiche Verlegungen von Häftlingen von Lager 3 nach Lager 8 dokumentieren. Erscheint nicht mehr auf der Todt-Liste vom 14.4.1945. Wahrscheinlich aus ökonomischen (Kies!) oder organisatorischen Gründen schon vor April 1945 geräumt. Keine Angaben über Zahl der Häftlinge und die Art der Räumung.

Kaufering Lager 9

Ebenfalls sehr kleines Lager in der Nähe des Dorfes Obermeitingen, lechabwärts an der Bahnlinie von Kaufering nach Augsburg gelegen und möglicherweise nicht zum Komplex Landsberg/Kaufering, sondern zum Kriegsflughafen Lager Lechfeld orientiert. Keine Angaben über Zahl der Häftlinge und Evakuierung. Erscheint nicht im Lagerbuch 3 und auch nicht in der Todt-Liste vom 14.4.1945.

Kaufering Lager 10

Ein kleines Lager bei Utting, in Quellen oft mit Lager 5 verwechselt oder vertauscht. Keine offiziellen Berichte über Lage, Zahl der Häftlinge und Evakuierung. Ein Zeitzeuge berichtete, am 14. April 1945 sei Lager 5 durch einen Fußmarsch nach Kaufering geräumt und die Häftlinge bis zur Evakuierung in Lager 1 untergebracht worden. Hierbei kann es sich um eine Verwechslung zwischen Lager 5 und Lager 10 bzw. um die Räumung von Lager 10 handeln. In der Todt-Zählung vom 14. April 1945 erscheint von den beiden Uttinger Lagern jedenfalls nur Lager 5 und nicht Lager 10

Kaufering Lager 11

Ein großes Lager westlich von Landsberg. An der Straße zu dem Ort Stadtwaldhof, nahe der Bunker-Baustelle "Diana II", zwischen den Lagern 1, 2 und 7 gelegen. Die Todt-Liste vom 14. April 1945 nennt 2124 Häftlinge. Laut Aussagen von SS-Wachmannschaften im Dachau-Prozess am 23.4.45 Abmarsch von Landsberg und Ankunft im KZ Allach am 25. April 1945. Karl Rom aus Kaunas, ehemaliger Häftling von Lager 11, bestätigt den Evakuierungsmarsch von Lager 11 zum KZ Allach. In den amerikanischen und niederländischen Dokumenten wird dieser Marsch nicht erwähnt.

Wir erinnern daran, dass am 23. April angeblich auch 745 Häftlinge aus Lager 3 über Fürstenfeldbruck nach Allach marschierten. Da es sich um denselben Tag, dieselbe Strecke und dasselbe Marschziel (Allach) handelt, ist ein gemeinsamer Marsch von Häftlinger der Lager 3 und 11 denkbar. Da diese Märsche - so oder so - auf dem Weg nach Allach über den Dachauer Verladebahnhof Emmering führten, muss an dieser Stelle auch die Möglichkeit erwähnt werden, dass diese große Gruppe insgesamt oder ein Teil von ihr in Emmering auf den zweiten der vier "Dachauer Züge (25.4. mit 3 000 Häftlingen) in Richtung Süden verladen wurde. Auch Andreas Wagner erwähnt diese Möglichkeit in seinem Buch. Jedenfalls ist dies ein Beispiel mehr für die vielen Möglichkeiten, die Wirklichkeit der Todesmärsche und Bahntransporte aus den Außenlagern realistisch einzuschätzen.

Zwischen den Lücken - Berichte von Freunden

Die Häftlingszahlen der Organisation Todt für die am 14. April 1945 noch bestehenden Kauferinger Lager 1, 3, 4, 5, 6, 7 und 11 betragen - ohne die erwähnte unerklärliche Berücksichtigung des Lagers 2 - insgesamt 11 929 männliche und weibliche Häftlinge. Fügen wir rund 450 Häftlinge von Lager 2 hinzu, erhöht sich die Gesamtzahl auf 12 479 Häftlinge.

Die von uns aus verschiedenen Quellen angegebenen Zahlen über die Evakuierung der Kauferinger Häftlinge zu Fuß und per Bahn summieren sich auf über 12 117 Häftlinge. Sie liegen also im Bereich der wahrscheinlichen Wirklichkeit.

Geht man davon aus, dass von Lager 4 rund 2400 Häftlinge und von den 2770 Häftlingen des Lager 1 etwa 1000 (wie Uri Chanoch), insgesamt also 3400 Häftlinge per Bahn abtransportiert wurden, dann kann man nach unserer Rechnung davon ausgehen, dass etwa 8700 Häftlinge nach Emmering, Dachau, Allach und München und dann weiter nach Buchberg, Beuerberg oder Waakirchen marschieren mussten. Die Tatsache, dass die offiziellen amerikanischen und niederländischen Dokumente nur die Zahl 2700 für Häftlingsmärsche aus dem Lagerkomplex Landsberg/Kaufering angeben, macht offenbar, dass in diesen Hauptquellen bei den Kauferinger Märschen ein Informationsloch von rund 5000 Häftlingen festzustellen ist. SS-Soldaten haben im Dachau-Prozess - die von ihnen verschuldete Wahrheit oft verbergend oder verdrängend - Vieles aufgeklärt, aber noch mehr ungeklärt gelassen.

Wir bedauern es, dass wir das Schicksal der Häftlinge von Landsberg und Kaufering, die durch ihren Tod den Märschen ihren historischen Namen gegeben haben, nicht besser aufklären können. Ihre Schwächung am Ende einer mehrjährigen Qual ließ ihnen auf ihrem letzten Weg nach Dachau, Allach oder Waakirchen nicht die Kraft, über ihren letzten Leidensweg für die Nachwelt geistig Buch zu führen. Zeitzeugen-Berichte von ehemaligen Häftlingen sind gering an der Zahl. Es ist interessant, dass sich ehemalige Lagerinsassen wie Solly Ganor oder Zwi Katz, die über ihre damaligen Erlebnisse in publizistischer Form berichtet haben, über die Wegstrecke von Landsberg oder Utting nach Dachau viel weniger erinnern als über die Schlussstrecke von Dachau bis Waakirchen. Vielleicht liegt das am Interesse von Gautinger, Gräfelfinger, Grünwalder, Tölzer oder Wolfratshauser Schülern, die diese Überlebenden zum Vortrag in ihre Gymnasien einladen, die ihnen aufmerksam zuhören, die ihnen mit ihren Fragen Aufmerksamkeit für ihr Schicksal bezeugen, Betroffenheit, Mitgefühl und auch intellektuelle Neugierde bekunden. Vielleicht empfinden diese ehemaligen Opfer der Nazigewalt in ihren tieferen Gemütsschichten eine gewisse Befriedigung, zumindest eine gewisse Anregung, wenn die Enkel der Tätergeneration sich interessiert zeigen, in ihr dunkles Schicksal mehr Licht zu bringen.

Wir nützen unsere freundschaftlichen Begegnungen auf unseren Würmtaler Gedenkzügen, um Überlebende wie Uri Chanoch, Soli Ganor, Jehuda Garai, Abba Naor oder Zwi Katz, uns aus ihren Erinnerungen ein wirklichkeitsnahes Bild von ihrer Leidensgeschichte zu machen. Uri Chanoch, Häftling im Kauferinger Lager 1, musste in der Nacht vom 26. auf den 27. April den offenen Güterzug besteigen, der mit den 2 400 kranken Häftlingen aus Lager 4 in Richtung Dachau fuhr, jedoch nahe des Dorfes Schwabhausen von amerikanischen Tieffliegern beschossen wurden. Ein Zeitzeuge berichtet von 136 Todesopfern durch diesen Beschuss. Weitere Häftlinge wurden auf der Flucht von SS-Wächtern erschossen. Uri Chanoch, der sich bei diesem Angriff ebenfalls in die Büsche geschlagen hatte, überlebte das Kreuzfeuer der Befreier und der Unterdrücker. Heute ist er - wie schon gesagt - Vorsitzender der "Vereinigung der Überlebenden der Außenlager Kaufering-Landsberg des KZ Dachau". Im April 1999, als wir acht Gedenkzüge organisierten, führte er - zusammen mit dem israelischen Botschafter in Deutschland und dem Dachauer Bürgermeister - den Gedenkzug der ersten Etappe von der KZ-Gedenkstätte Dachau über Allach zum Mahnmal in München-Pasing an. Das sind Freunde, die uns historische Lücken in unserer Geschichte aufzeigen, uns aber auch helfen, sie wenigstens moralisch zu schließen.