Evakuierung oder Vernichtung?

Todesmärsche von Auschwitz bis in die "Alpenfestung"

Schon vor Januar 1945, vor der Befreiung der drei KZ-Lager von Auschwitz durch die sowjetische Armee, hatte die SS mit der "Evakuierung" von Häftlingen begonnen. Bereits mit der Eroberung großer Teile der baltischen Staaten durch die Rote Armee, in denen das Naziregime zahlreiche Zwangsarbeitslager errichtet hatte, begann die massenweise "Evakuierung" arbeitsfähiger Juden in Richtung Reich, die durch Strapazen und Mord den Tod von Hunderttausenden von Häftlingen zur Folge hatte. Diese Politik kurz vor dem Eindringen der Sowjetarmee offenbart zwei Ziele: KZ-Häftlinge sollten nicht in die Hände der Eroberer fallen. Mindestens ebenso wichtig für die Naziführung war ihr Wunsch, weiterhin über das letzte Reservoir von Arbeitssklaven verfügen zu können.

Anfang Juli 1944, als in Auschwitz noch die Vergasung der ungarischen Juden voll im Gange war, kam es zu den ersten Todesmärschen und Todeszügen, als die SS kurz vor der Ankunft der Sowjets in Litauen die dortigen Arbeitslager räumte. Wir kennen dieses Kapitel sehr gut, weil litauische Zeitzeugen wie Uri Chanoch, Mordechai Heinovits, Abba Naor und Zwi Katz, die heute an unseren Gedenkzügen zur Erinnerung an den "Todesmarsch von Dachau" teilnehmen, uns über ihre schrecklichen Erlebnisse in jugendlichen Jahren berichteten. Am 1. Juli 1944 ermordete die SS in den litauischen Städten Kaunas und Schaulen beim Näherrücken der Sowjets 8000 nicht mehr arbeitsfähige Juden, am 19. Juli schickte sie Tausende arbeitsfähiger Häftlinge in einem mehrtägigen Bahntransport, den Hunderte nicht überlebten, zum KZ Dachau, wo sie zur Zwangsarbeit in den Lagerkomplexen Landsberg/Kaufering und Mühldorf weitertransportiert wurden. Den dortigen "Arbeitseinsatz" haben etwa zwei Drittel "durch natürliche Verminderung" nicht überlebt. Der Rest wurde, als die US-Armee näher rückte, in Richtung "Alpenfestung" weitergetrieben. Marschieren und Ermordung waren ein vieltausendfaches Schicksal.

Ende Juli 1944 begann für eine andere Gruppe jüdischer KZ-Häftlinge, die später in den Außenlagern von Dachau landeten, die Horrorgeschichte der mörderischen "Evakuierungszüge". Es handelte sich um ein großes jüdisches Arbeitkommando, das die SS nach der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstands von Auschwitz zu Räumungsarbeiten in die polnische Hauptstadt verlegt hatte. Am 29. Juli 1944, als die Sowjetarmee schon fast das Weichselufer bei Warschau erreicht hatte, wurden 3520 überlebende Zwangsarbeiter zuerst zu Fuß in Richtung Westen getrieben. Auf dem 120 Kilometer langen Marsch kamen über 500 Teilnehmer zu Tode. Am 4. August wurden die 3000 Überlebenden von der Stadt Zychlin in einen Zug nach Dachau verladen. 1000 Häftlinge starben auf der fünftägigen Bahnfahrt. Nur noch 2000 Überlebende erreichten am 9. August das dortige KZ, wo sie in die Außenlager von Landsberg/Kaufering und Mühldorf weitertransportiert wurden und schließlich, soweit sie die dortige Zwangsarbeit überlebten, zu Fuß oder per Bahn in Richtung Alpen weiterevakuiert wurden. Dr. Max Mannheimer, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, ist Überlebender und Zeuge dieser mörderischen Folge von Todeszügen und Todesmärschen von Auschwitz über Warschau, Dachau und Mühldorf bis zum Starnberger See.

Im August und September 1944 bekamen Zwangsarbeiter aus baltischen Lagern beide Formen der damaligen Judenpolitik zu spüren. Am 28. August wurden noch Tausende von arbeitsfähigen Juden von Lagern in Estland auf dem Seeweg in das KZ Stutthof bei Danzig verlegt, vom 19. bis 23 September, als Land- und Seeweg schon gesperrt waren, 3500 Häftlinge der estischen Lager Klooga und Lagedi vor dem Eintreffen der russischen Truppen ermordet.

Von Oktober bis Dezember 1944, als die Rote Armee an der Nordfront die Reichsgrenze, im Zentrum und an der Südfront Warschau und Budapest erreicht hatte, begann mit der Evakuierung der großen KZ-Lager von Auschwitz, Stutthof und ihren zahlreichen Außenlagern die Schreckenszeit der großen Evakuierungstrecks in Richtung Westen, die durch Zehntausende von Opfern die Begriffe "Todesmarsch" oder "Todeszug" rechtfertigen. Bahntransporte verfrachteten rund 100.000 Häftlinge aus Auschwitz und den vielen umliegenden Arbeitslagern in die großen KZ-Lager im Reichsgebiet: Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Flossenbürg, Mauthausen, Neuengamme, Ravensbrück und Sachsenhausen, wobei eine unbekannte, aber sehr große Zahl von Häftlingen an den Strapazen und Entbehrungen der oft tagelangen Bahnfahrten starb. Opferreicher waren die Fußmärsche, die schon im Herbst 1944 von der Region Auschwitz ausgingen.

Ab Januar 1945 eskalierte die Opferrate der "Todesmärsche" und "Todeszüge". Aus dem KZ Stutthof und dem rückwärtigen Ostpreußen wurden am 20. Januar 29000 jüdische Häftlinge mit Zügen und Schiffen in Richtung Ravensbrück und Sachsenhausen abtransportiert. Eine Woche später kamen dort nur noch 3000 Überlebende an - Todesrate 89 Prozent.

Kleinere Evakuierungsgruppen, die im beginnenden Chaos der letzten Kriegsphase ungeplant in Richtung Westen getrieben wurden, weisen Sterbezahlen auf, die den Begriff "Todesmarsch" nachhaltig begründeten. Hier einige Beispiele:

  • Lieberose (südöstliches Brandenburg) zum KZ Sachsenhausen: Abmarsch 3500, Ankunft 900, Todesrate 74 Prozent
  • Auschwitz-Monowitz zum KZ Groß-Rosen (Schlesien). Abmarsch 1000, An-kunft 400, Todesrate 60 Prozent
  • Auschwitz-Birkenau nach Geppersdorf (Schlesien), 50 Tage, Abmarsch 3000, Ankunft 280, Todesrate 90 Prozent
  • Neusalz (Schlesien) nach Flossenbürg (Oberpfalz), 42 Tage, Abmarsch 1000, Ankunft 200, Todesrate 80 Prozent
  • Buchenwald (Thüringen) nach Theresienstadt (Böhmen), Abmarsch 2775, Ankunft 575, Todesrate 79 Prozent

Am irrsinnigsten - nicht nur geografisch - waren die letzten beiden Evakuierungszüge aus Nord- und Mitteldeutschland in Richtung Alpen:

  • KZ Neuengamme (Hamburg) zum KZ Ebensee (Oberösterreich), Abfahrt An-fang April, Ankunft 1. Mai. Die Zahl der Toten dieses Todeszuges ist nicht bekannt, aber vorstellbar.
  • KZ Buchenwald über KZ Flossenbürg zum KZ Dachau, Abfahrt 8. April, Ankunft 28. April. Die Türen dieses Todeszuges, der einen Tag vor der Befreiung des KZ Dachau dort ankam, wurden von der Lager-SS nicht mehr geöffnet. Zahlen nicht bekannt. Nach Augenzeugen waren mehr Leichen als Lebende in den Waggons.

Die Überlebenden dieses letzten Todeszuges nach Dachau kamen dort zu spät an, um noch auf einen Todesmarsch Richtung Alpen getrieben zu werden.

Nach Recherchen der israelischen Holokaust-Gedenkstätte Jad Vaschem wurden in den letzten Kriegsmonaten insgesamt etwa 250 000 vorwiegend jüdische Häftlinge aus KZ- und Arbeitslagern in Marsch gesetzt oder per Bahn abtransportiert, um bis zum letzten Kriegstag und bis zum letzten Blutstropfen ihre Arbeitskraft auszubeuten.